Wirtschaft : Notausgang gesucht

Bei der Frühjahrstagung von IWF und Weltbank am Wochenende geht es vor allem um die Rückkehr zur Normalität

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Dringend. Durch die Krisenpakete haben die Staaten hohe Schulden aufgetürmt. Jetzt müssen sie den Ausstieg vorbereiten. Foto: Tsp/Klaas
Dringend. Durch die Krisenpakete haben die Staaten hohe Schulden aufgetürmt. Jetzt müssen sie den Ausstieg vorbereiten. Foto:...

Washington – Die Weltwirtschaft ist glimpflicher davongekommen als befürchtet. In Washington versammelt sich die globale ökonomische Elite anderthalb Jahre nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers, der zum Inbegriff der Finanzkrise wurde, zur Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank. Die Rezession, die viele 2009 mit der großen Depression der 1930er Jahre verglichen hatten, scheint gemeistert, jedenfalls auf den ersten Blick. Um rund vier Prozent ist die globale Konjunktur 2009 eingebrochen. Für 2010 rechnen die Experten mit 4,2 Prozent Wachstum, für 2011 mit 4,3 Prozent und loben die „erstaunlich schnelle Erholung“.

So richtig optimistisch sind die Vertreter von Weltbank und IWF dennoch nicht. Erst am Donnerstag sagte IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn: „Die Welt ist noch immer ein gefährlicher Ort.“ Und auch hinter den Kulissen äußern sich Vertreter der beiden Institutionen ebenso skeptisch. Das hat mehrere Gründe.

Erstens sind die Trends in den einzelnen Weltregionen sehr unterschiedlich. Der Einbruch 2008/09 verlief weltweit ziemlich synchron, die Erholung 2009/10 nicht. Die Schwellenländer erleben einen starken Aufschwung: China um 8,5 Prozent 2010, Indien um 6,5 Prozent. Die USA, Ausgangspunkt und Zentrum der Krise, wachsen 2010 um 3,1 und 2011 voraussichtlich um 2,6 Prozent; Europa dagegen nur um 1,0 Prozent 2010 und 1,5 Prozent 2011. Die Krise beschleunigt also die Gewichtsverschiebung hin zu den Schwellenländern – und bestätigt zudem die Regel, wonach sich die USA dank ihrer weniger regulierten Marktmechanismen nach Rezessionen doppelt so schnell erholen wie Europa.

Zweitens trauen die Fachleute der Erholung noch nicht. Auf die Frage, was die Erklärung für die glimpfliche Entwicklung sei, antworten sie verhalten: „Die Krise ist nicht vorbei, sie hat sich nur in eine neue Phase verlagert.“ In vielen Ländern haben milliardenschwere Konjunkturpakete eine künstliche staatliche Nachfrage entfacht. Doch das lässt sich nicht fortsetzen. Nun werden die staatlichen Defizite zum Problem, wie die Beispiele Griechenland, Großbritannien, Spanien und USA zeigen. In den US-Medien kann man die Unsicherheit nachlesen, wohin die Reise geht: Auf optimistische Berichte, dass der Konsum wieder anziehe, folgen regelmäßig Warnungen vor einem „double dip“, einem zweiten Einbruch.

Drittens müssen bei der hohen staatlichen Kreditaufnahme irgendwann die Zinsen steigen – und das wird das Wachstum bremsen. Viele Industrieländer sind über 100 Prozent ihres Bruttosozialprodukts verschuldet, Japan sogar mit fast 200 Prozent. Ähnliches gab es zuletzt im Zweiten Weltkrieg wegen der außergewöhnlichen Militärausgaben. Der IWF empfiehlt deshalb als „Exit-Strategie“ den „Ausstieg aus den Konjunkturprogrammen spätestens 2011“; die Zinsen müssten noch etwas länger niedrig gehalten werden, damit die beiden Bremseffekte nicht gleichzeitig kommen.

Viertens ist noch nicht ausgemacht, dass die Lehren wirklich beherzigt werden. Die Neigung, die Finanzwirtschaft zu regulieren, war deutlich stärker ausgeprägt, solange die bösen Folgen der Krise noch direkt spürbar waren. Der glimpfliche Ausgang senkt die Bereitschaft zu Eingriffen, die einerseits politisch umstritten sind, andererseits die Gefahr bergen, den Aufschwung zu bremsen. In den USA soll ein entsprechendes Gesetz am Montag im Senat diskutiert werden. Präsident Obama hat am Donnerstag mit einer Rede vor Wall-Street-Bankern dafür geworben. Doch dieser Entwurf wie auch die Vorhaben anderswo sind zahmer, als vor einem Jahr gefordert.

Auch in anderer Hinsicht fällt die Frühjahrstagung 2010 aus dem Rahmen. In den letzten Jahren fand der IWF meist mehr Interesse als die Weltbank, weil er seine Stimmrechte an die Verlagerung von den klassischen Industriestaaten zu den Schwellenländern anpasste. Jetzt wird der IWF zwar wegen des Zwischenberichts zur „Exit-Strategie“ und seiner Rolle bei der Griechenland-Hilfe Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Doch in der Krise hat die Weltbank eine zentrale Rettungsrolle übernommen. Sie hat seit 2008 mehr als 100 Milliarden Dollar ausgereicht, drei Mal so viel wie zuvor. Allein 2009 waren es 45 Milliarden Dollar. Deshalb wird sie ihre erste Kapitalerhöhung seit 1988 vornehmen. Die dient zugleich der Umverteilung der Stimmrechte – nach dem IWF-Vorbild. China rückt dabei von Platz 17 auf Platz 3.

Die Weltbank finanziert nicht mehr vornehmlich klassische Entwicklungsprojekte, sondern Programme zur langfristigen Budgetsanierung. Zuletzt gingen 60 Prozent der Mittel in die direkte oder indirekte Budgethilfe einzelner Länder und 40 Prozent in Infrastrukturmaßnahmen. Vor der Krise war es umgekehrt.

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