Wirtschaft : Noten sind Nebensache

Hauptschüler ausbilden lohnt sich – wenn sich die Firmen auch kümmern.

Julia Rotenberger

Berlin - Wenn Ronald Zobel nach Auszubildenden sucht, sind Noten Nebensache: „Bei Zeugnissen schauen wir eher darauf, wie oft derjenige gefehlt hat“, sagt der Ausbildungsleiter beim Berliner Umzugsunternehmen Zapf. „Wenn einer ins Unternehmen passt, ist der Abschluss nicht so wichtig.“

Zapf gibt Hauptschülern eine Chance. 83 Jugendliche wird der Betrieb im kommenden Jahr ausbilden. Etwa 40 Prozent von ihnen haben nur einen Hauptschulabschluss. „In dem Bereich, in dem wir unterwegs sind, ist körperliche Arbeit gefragt“, sagt Zobel. „Da können wir Hauptschüler gut einsetzen.“

Nicht alle Unternehmen heißen die Jugendlichen derart willkommen. Deutschlandweit bekommen 44 Prozent der Hauptschüler nicht sofort eine Lehrstelle, sondern müssen sich gedulden – im Schnitt 17 Monate, ergab eine Studie des Bundesinstitutes für Berufsbildung.

Für Friederike von Tiesenhausen ist das verschenktes Potenzial. Sie hat im Auftrag der Vodafone-Stiftung und der Stiftung Neue Verantwortung 20 Unternehmen, die bereits Hauptschüler ausbilden, nach ihren Erfahrungen mit den Jugendlichen befragt. Die Antwort der Arbeitgeber: Hauptschüler auszubilden lohnt sich. „Jugendliche mit einem Hauptschulabschluss schließen ihre Ausbildung zu einem hohen Prozentsatz ab“, erklärt von Tiesenhausen. „Wenn sie übernommen werden, haben die Firmen loyale Mitarbeiter und sparen Rekrutierungskosten.“

Doch anders als Realschüler und Gymnasiasten brauchen Hauptschüler mehr Zuwendung von Seiten ihrer Ausbilder. Sie sind meist jünger als ihre Kollegen mit höheren Schulabschlüssen und haben häufiger Schwierigkeiten in der Berufsschule. Die Ausbilder bei Zapf wissen das: „Erst vor kurzem habe ich für drei Schüler ausbildungsbegleitende Hilfen beantragt“, erzählt Ausbildungsleiter Zobel. Diese Kurse bezahlt die Arbeitsagentur. Aber auch im Unternehmen selbst bekommen die Jugendlichen Nachhilfe durch innerbetrieblichen Unterricht.

Weil die Azubis neben ihrer Ausbildung mitunter private Sorgen beschäftigten, sei es außerdem wichtig, den Schülern eine Vertrauensperson zur Seite zu stellen, sagen die Autoren der Studie. „Derjenige muss bereit sein, sich regelmäßig mit dem Jugendlichen zu treffen und zu besprechen, was gut läuft und was nicht“, sagt von Tiesenhausen.

Auch mehr Praxisbezug helfe, aus Hauptschülern Fachkräfte zu machen. Wie das gehen kann, zeigt ein Projekt von Thyssen-Krupp in Duisburg. Das Stahlunternehmen ist der größte Arbeitgeber der Region und reserviert jedes Jahr einige seiner Ausbildungsplätze speziell für Hauptschüler. Auf ihre Aufgaben im Betrieb werden die Jugendlichen schon während der Schulzeit vorbereitet. Etwa zehn Monate stehen sie im Kontakt mit dem dem Unternehmen, absolvieren Praktika und Trainings.

Einen Platz in dem Programm zu bekommen, ist allerdings nicht leicht: Mit 16 Duisburger Schulen arbeitet der Stahlproduzent zusammen. Jede dieser Schulen schlägt drei Schüler für das Programm vor. Das Unternehmen kann es sich leisten, wählerisch zu sein. „Wir haben kein Problem damit, unsere Ausbildungsstellen zu besetzen“, sagt Volker Grigo, Ausbildungsbeauftragter bei Thyssen–Krupp Steel in Duisburg. Etwa 5000 Bewerbungen erhält der Stahlkonzern jedes Jahr.

Trotz der Förderung: Geschenkt wird den Hauptschülern bei Thyssen-Krupp nichts. Wenn sich die Jugendlichen nach Abschluss des Programms auf eine der Ausbildungsstellen bewerben, müssen sie den gleichen Eignungstest bestehen wie ihre Kollegen mit Realschulabschluss oder Abitur. Julia Rotenberger

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