Wirtschaft : Notenbank: Europas Geldpolitiker bewahren die Ruhe

Martina Ohm

Wie lange kann sich die EZB ihre Politik der ruhigen Hand noch leisten? Gilt nicht auch für Europas Geldpolitiker, dass sich nach dem 11. September 2001 die Messlatten verschoben haben? Keiner kann zur Zeit beziffern, welche Folgen die Terrorakte in den USA und ein möglicher Gegenschlag der Nato auf den Welthandel und die Finanzmärkte haben wird. Und doch liegt die Antwort auf die Frage, wohin die Weltwirtschaft steuert, nicht nur bei den Konsumenten in den USA, sondern auch bei den Notenbankern. Sie tragen eine ganz besondere Verantwortung. Denn sie verfügen über Instrumente mit herausragendem Signalcharakter. Darf also Notenbankchef Wim Duisenberg angesichts der aktuellen Verunsicherung an den Märkten seine Unterstützung verweigern? Und: Ist "business as usual" im Eurotower in diesen Tagen überhaupt noch zu rechtfertigen?

Der EZB-Rat hat sich seine Entscheidung vom Donnerstag nicht einfach gemacht. Denn mit seinem Beschluss, die Leitzinsen unverändert zu lassen, setzt er sich bewusst der Kritik aus. Die neuesten Daten von Eurostat belegen: Im Euroraum herrscht Stagnation; die Inflationsgefahren scheinen gebannt. Schon das wären Argumente für niedrigere Zinsen. Die Sorge nach den Angriffen auf Amerika, dass Ängste der Verbraucher in den USA zum Einbruch der Nachfrage und Erliegen der Weltwirtschaft führen könnten, hat den Druck auf die Europäer verschärft und den Ruf nach schnellen, vorbeugenden Maßnahmen laut werden lassen. Jetzt kann sich die EZB den Vorwurf nicht ersparen, womöglich zu spät auf eine sich abzeichnende Misere zu reagieren. Ohnehin gilt als wahrscheinlich, dass sie die Leitzinsen im Jahresverlauf erneut senken wird. Warum also nicht gleich? Die Antwort auf diese Frage hat Wim Duisenberg bereits gegeben: Ein Signal der Panik sollte vermieden werden. Das ist gelungen. Dem jüngsten Zinsdruck, durch Umschichtungen von Aktienvermögen in Bargeldbestände, hat die EZB durch kurzfristige Liquiditätshilfen Rechnung getragen. Handlungsspielraum hat dadurch niemand verloren. Im Gegenteil: Wenn die US-Notenbank Japaner und Europäer zum Schulterschluss aufruft, wird sich auch die EZB nicht verweigern.

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