Wirtschaft : Notfall Krankenhaus: Vom Versorgungsbetrieb zum Wirtschaftsunternehmen

Carsten Brönstrup

Die Uhr tickt. Bald wird es eine wettbewerbsfreie Zone weniger in Deutschland geben. Nach der Energie- und der Telekommunikationsbranche wird in den kommenden Monaten auch in den Krankenhäusern marktwirtschaftliches Denken einziehen. Der Grund: Spätestens 2003 wird ein neues Abrechnungssystem in den Kliniken eingeführt, "eine Revolution", wie Frank Ulrich Montgomery erwartet, Oberarzt in Hamburg und Präsident des Krankenhaus-Ärzteverbandes Marburger Bund.

Dabei geht es um betriebswirtschaftliche Details mit einschneidenden Folgen. Das neue System soll ans Licht bringen, welche Klinik kostengünstig und welche zu hohen Preisen behandelt. Wegen des Kostendrucks im Gesundheitswesen werden in Zukunft chronisch defizitäre Häuser in die Bredouille geraten: Vielen der rund 2300 deutschen Kliniken droht in den kommenden Jahren die Schließung oder die Privatisierung, prophezeit eine Studie der Unternehmensberatung Arthur Andersen.

Denn in Zukunft sollen die Krankenhäuser belohnt werden, die einen Patienten möglichst bald wieder nach Hause entlassen. Nicht mehr nach Tagessätzen wird abgerechnet, sondern pauschal nach Fällen. Die Folge: Je schneller ein Bett wieder frei wird, desto stärker steigen die Einnahmen. Dies ist eine der wenigen echten Änderungen durch die Gesundheitsreform von Ministerin Andrea Fischer (Bündnis 90 / Die Grünen). Sind heute noch knapp elf Tage die durchschnittliche Verweildauer im Spitalbett, werden es bis 2005 sechs bis sieben Tage sein, erwarten Experten. Dadurch werden mehr als ein Drittel der Betten überflüssig. Der Arthur-Andersen-Studie zufolge wird ihre Zahl in öffentlichen Häusern von heute 255 000 auf 90 000 zurückgehen. Von den 790 staatlichen Krankenhäusern werden bis zum Jahre 2015 nur noch rund 400 übrig bleiben. Die Privaten werden im selben Zeitraum jedoch von heute 390 auf 600 zulegen, die Zahl ihrer Betten von 45 000 auf 96 000 steigen. Gleichwohl ist die Behandlungs-Branche langfristig ein Wachstumsmarkt: Wegen der alternden Bevölkerung wird die Nachfrage nach Klinikleistungen bis zum Jahre 2050 um ein Drittel zunehmen, prognostiziert das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

Das Problem ist jedoch die Finanzierung über die Sozialversicherung. 1999 kostete die Klinikbehandlung 85,5 Milliarden Mark, ein Drittel der Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung. Kaum ein Land im internationalen Vergleich leistet sich eine so dichte Medizin-Infrastruktur mit einer hohen Zahl von Ärzten, teurem Gerät und Krankenhausbetten. Die Politik tat sich bislang mit der Kostensenkung jedoch schwer - Krankenhausplanung ist immer noch Ländersache, und Schließungen suchte bislang jeder Provinzfürst zu verhindern. Doch der Geldmangel macht den Betreibern zu schaffen. Investitionen in Gebäude und modernes, immer teureres Medizingerät können viele nicht mehr finanzieren. Zudem sitzen ihnen die Krankenkassen im Nacken, die sich die seit jeher stetig steignden Behandlungskosten nicht mehr gefallen lassen wollen.

Um ihre leeren Betten zu füllen und Defizite zu drücken, lassen sich die Kliniken schon heute einiges einfallen. Sie werben mit bunten Bildern von Luxuszimmern, Hightech-Medizingerät und Swimmingpools in Prospekten und im Internet, um zahlungskräftige Kundschaft, vor allem aus dem Ausland. Das kann freilich Umstrukturierungen nur hinauszögern. Die Organisation der Kliniken wird unter dem Druck des Marktes umgekrempelt. Ärzte müssen betriebswirtschaftlich handeln, unprofitable Bereiche werden ausgegliedert, kleinere Häuser schließen sich zu Verbündeten zusammen, spezialisieren sich oder werden von Privaten übernommen. Die schaffen es häufig, den Service für die Patienten zu steigern und zugleich die Kosten zu drücken.

Doch es wird auch Verlierer der Privatisierung geben. Schon heute leidet das Krankenhauspersonal unter Überlastung, weil nicht genügend Ärzte und Pfleger eingestellt werden können. "Die arbeiten wie die Blöden", weiß Marburger-Bund-Chef Montgomery. Ärzte schieben einen gewaltigen Berg von Überstunden vor sich her, müssen immer mehr Verwaltungsaufgaben übernehmen, wagen aber aus Angst um den Job nicht, sich zu beschweren. Nicht nur deshalb droht eine sinkende Qualität der Behandlung, wenn nicht ausreichend kontrolliert wird, warnt der Krankenkassen-Qualitätsmanager Thomas Beck (Vgl. Interview).

Außerdem bleiben die öffentlichen Hospitäler mit gesetzlichem Versorgungsauftrag auf den teuren Patienten sitzen, fürchtet Jürgen Dietz, Krankenhaus-Beauftragter bei der Gewerkschaft ÖTV, die 1,2 Millionen Klinikangestellte vertritt. "Die Privaten picken sich nur die preiswert zu behandelnden Fälle heraus. Die öffentlichen Häuser müssen sich um die Menschen kümmern, die an mehreren Krankheiten gleichzeitig leiden und wesentlich höhere Kosten verursachen."

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