Wirtschaft : Notruf aus der Luft

Die Klagen der Fluggesellschaften über die Folgen des Irak-Krieges werden lauter – doch die EU verweigert Hilfe

Flora Wisdorff

Bei der europäischen Luftfahrtlobby in Brüssel herrscht schlechte Stimmung. „Wir stecken in der kritischsten Situation, die die Luftfahrt jemals erlebt hat“, sagte Ulrich Schulte-Strathaus, Generalsekretär des Verbands der europäischen Fluggesellschaften (AEA), dem Tagesspiegel am Sonntag. „Wir brauchen eine politische Verpflichtungserklärung, dass uns kriegsbedingte Zusatzkosten erstattet werden“, fordert Schulte-Strathaus. Die Zusage haben ihm die EU-Verkehrsminister auf ihrem Treffen am Freitag in Brüssel nicht gegeben. Trotz der Krise stellten sie zunächst keine direkte finanzielle Unterstützung in Aussicht. „Wir haben keinen Anhaltspunkt dafür, dass die europäischen Fluggesellschaften in existenzielle Gefahr geraten“, sagte Verkehrsminister Manfred Stolpe (SPD).

Das sieht Schulte-Strathaus anders. Die Situation sei „dramatisch“. In der vergangenen Woche habe die Branche zweistellige Rückgänge verzeichnet. Die Zahl der geflogenen Passagierkilometer sei bei den europäischen Fluggesellschaften im weltweiten Flugverkehr in der ersten Woche nach Kriegsanfang um zwölf Prozent eingebrochen, innereuropäisch sogar um 15 Prozent. Auf den nordatlantischen Routen habe die Zahl um zehn Prozent abgenommen und nach Fernost und Australien um zwölf Prozent. Auf den Asienstrecken führt jetzt auch noch die hoch ansteckende, lebensgefährliche Lungenkrankheit Sars zu Buchungsrückgängen.

Umstrittene Subventionen

Genau wie nach dem 11. September ruft die Luftfahrt deshalb nach staatlicher Hilfe. Damals hatte sie diese auch bekommen. Da die Versicherungen ihre Verträge gekündigt hatten, übernahmen die EU-Staaten bis Oktober 2002 die Haftung und entschädigten auch für Einnahmeausfälle wegen eines mehrtägigen Flugverbots über den USA. Die Hilfe floss auch deshalb, weil die amerikanischen Fluggesellschaften noch viel massiver unterstützt wurden. Auch jetzt sieht es so aus, als ob die US-Fluggesellschaften Hilfe in Milliardenhöhe bekämen. Experten bezeichnen die erneuten Rufe nach staatlicher Unterstützung wegen des Krieges jedoch als ungerechtfertigt. „Der Wettbewerb zu den Amerikanern findet lediglich auf den transatlantischen Strecken statt“, sagt Andreas Knorr, Luftfahrtexperte von der Uni Bremen. „Die Fluggesellschaften nutzen den Krieg als Gelegenheit, um wieder Subventionen zu bekommen“. Das verhindere die notwendige Umstrukturierung des Marktes, der „einfach überbesetzt ist“.

Die europäischen Verkehrsminister haben sich zwar zunächst gegen die sofortige direkte finanzielle Unterstützung der Fluggesellschaften ausgesprochen – obwohl die Kommission diese bei den Sicherheitskosten zum Beispiel erlauben würde. Einen Erfolg haben die Airlines jedoch verbucht: Bei den Start- und Landerechten, den Slots, soll den Fluggesellschaften geholfen werden. Die Slots, die eine Fluggesellschaft wegen der Buchungsrückgänge nicht nutze, sollen nicht wie üblich an jemand anderen verkauft werden. Sie sollen ihr erhalten bleiben, bis es wieder besser läuft. „Das begrüßen wir“, sagt Schulte-Strathaus. Es sei aber nicht genug. Er rechne damit, dass genau wie nach dem 11. September zusätzliche Sicherheitskosten von rund 860 Millionen Euro auf die Branche zukämen. Auch fürchten die Fluglinien, dass die Versicherungen ihre Prämien erhöhen oder wieder kündigen könnten. Bei der Lufthansa sind die Versicherungskosten laut einer Sprecherin im vergangenen Jahr um 200 Prozent auf 107 Millionen Euro gestiegen. Bei einem erneuten Zusammenbruch des Versicherungsmarktes müssen die Staaten wieder einspringen, fordert der AEA-Generalsekretär.

Luftfahrtexperte Knorr sieht schon eine Neuregelung bei den Slots als „indirekte Subvention“. „Damit wird verhindert, dass neue Anbieter auf den Markt kommen“, sagt Knorr. Billigflieger würden die guten Slots sofort nehmen, wenn sie könnten.

Kurzarbeit angekündigt

Fakt ist, dass der Irak-Krieg die Krise in der Luftfahrt wieder verschlimmert. In der vergangenen Woche kündigten fast alle großen Luftfahrtunternehmen diesseits und jenseits des Atlantiks Kapazitätskürzungen und Sparpläne an. Die Lufthansa legt sieben weitere Flugzeuge still. Und laut der Gewerkschaft Unabhängige Flugbegleiterorganisation (Ufo) laufen beim Kabinenpersonal bereits Gespräche zur Wiedereinführung der Kurzarbeit. Laut Tarifvertrag dürfe diese eingeführt werden, wenn es mindestens zehn Prozent weniger Arbeit für mehr als 30 Prozent des Personals gebe. „Das wurde Mitte vergangener Woche festgestellt“, sagt Uwe Hines, Tarifexpertet bei der Ufo, dem Tagesspiegel am Sonntag. Wegen der Buchungsrückgänge nach dem 11. September wurde zuletzt im November 2001 Kurzarbeit eingeführt. Auch Air France kappte ihr Angebot um sieben Prozent und legte ein drastisches Sparprogramm auf. British Airways reduzierte ihr Angebot um vier Prozent, zunächst für die kommenden zwei Monate.

In den USA sieht es noch schlimmer aus: American Airlines steht laut Presseberichten kurz vor der Pleite, wenn sie nicht in Kürze eine Finanzspritze von 1,5 Milliarden Dollar erhalten. United Airlines, die Nummer zwei unter den US-Gesellschaften, und United Airways, die Nummer sieben, fliegen bereits unter Gläubigerschutz. Der US-Luftfahrtverband Air Transport Association rechnet wegen des Krieges mit Einbußen von zehn Milliarden Dollar im Jahr und fordert insgesamt 13 Milliarden Dollar Unterstützung vom Staat. Nach dem 11. September hatte er bereits 15 Milliarden erhalten.

Allerdings leiden die US- und EU-Gesellschaften nicht nur unter dem Krieg. Schon vor dem 11. September ging die Nachfrage wegen der schwachen Konjunktur zurück. Viele passten ihre Kapazitäten und Kostenstruktur aber nicht an. Der 11. September stürzte sie auch deswegen in die Krise. In Europa gingen Gesellschaften wie Swissair oder Sabena unter, andere wie Lufthansa oder Air France reagierten erfolgreich. Im operativen Geschäft schrieb man schwarze Zahlen. Luftfahrtexperte Knorr: „Dazu braucht man keine Subventionen."

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