Wirtschaft : "Nur die großen Autohersteller überleben"

BERLIN (alf).In der Autoindustrie werden womöglich nur die Unternehmen bestehen können, die mindestens fünf Mill.Fahrzeuge im Jahr produzieren.Die Unternehmensgröße sei für die Hersteller des 21.Jahrhunderts "die Basis, um überlebenswichtige Strategien anwenden zu können", sagte der Vorstandschef der Ford-Werke, Rolf Zimmermann, am Freitag in Berlin.

"Größe heißt Überleben", sagte Zimmermann während der Jahreshauptversammlung der US-Handelskammer.Als Global Player benötige man mindestens fünf Plattformen: Kleinwagen, Kompaktklasse, untere Mittelklasse, Mittelklasse und Oberklasse.Je Plattform müßten rund eine Mill.Fahrzeuge pro Jahr gebaut werden, um die nötige Rentabilität zu erreichen.Unter Plattformen versteht die Branche den Einsatz gleicher Boden-Komponenten, Motoren, Getriebe und Achsen in unterschiedlichen Modellen.Vor dem Hintergrund der aktuellen Fusionswelle meinte Zimmermann, "einige Konstellationen werden möglicherweise keinen Bestand haben".Insbesondere sei es schwierig, "die unterschiedlichen Kulturen zusammenzubringen".

Als weitere Branchentrends nannte der Chef der Kölner Ford-Werke Umweltschutz und Kundenorientierung."Umweltbewußtes Handeln ist das wichtigste überhaupt, was ein Automobilbauer neben der Sicherung der Arbeitsplätze durch die Erfüllung der Kundenwünsche tun kann." Auf diesem Feld seien "außerordentliche Fortschritte" zu erwarten, insbesondere bei der Entwicklung alternativer Antriebe.In etwa fünf Jahren erwartet Zimmermann einen Marktanteil von Elektroautos, Erdgasfahrzeugen sowie Autos mit Brennstoffzelle von rund zehn Prozent.In Kooperation mit DaimlerChrysler und Ballard will Ford bis 2004 das erste serienreife Auto mit Brennstoffzellen-Antrieb auf den Markt bringen.

Im Hinblick auf die Kundenorientierung sagte Zimmermann, Ford verändere sich zu einem "total verbraucherorientierten Unternehmen, das komplette Dienstleistungen rund um das Automobil anbietet".Deshalb habe das Unternehmen die Service-Kette Kwik fit übernommen, die in Deutschland unter dem Namen Pit-Stop bekannt ist.Auf diesem Wege will Ford an Kunden kommen, die nicht in Ford-Werkstätten kommen.Am Rande der Veranstaltung erläuterte Zimmermann gegenüber dem Tagesspiegel die künftige Vertriebsstruktur des Unternehmens."In den vergangenen Jahren haben wir unsere Fabriken rationalisiert und sehr stark die Zulieferer integriert.Was jetzt noch fehlt ist die Restrukturierung der Vertriebswege", sagte Zimmermann.Bis zum Jahresende wolle Ford ein neues System bei den Händlern einführen.Gegenwärtig gebe es in Deutschland 1000 Ford-Händler."Künftig gliedern wird den Markt in 130 Wirtschaftsräume." Berlin zum Beispiel teile sich in die Räume Nord und Süd; innerhalb dieser Regionen kooperierten Händler miteinander oder schlössen sich zusammen."Dann können sie in der ganzen Administration, in der Buchhaltung bis zur Fahrzeugbestellung Rationalisierungseffekte kreieren und die notwendige Rentabilität erreichen."

Nachdem der Ford-Marktanteil in Deutschland 1998 von 10,99 auf 9,65 Prozent gesunken war, will Zimmermann, der seit November als Vorstandsvorsitzender fungiert, mit neuen Modellen die Trendwende schaffen."Im Herbst werden wir auf der IAA den überarbeiteten Fiesta vorstellen, auch der neue Transit kommt noch in diesem Jahr.Außerdem verstärken wir unsere Fahrdynamik-Offensive durch leistungs- und sportorientierte Fahrzeuge wie den Mondeo ST 200 und den Cougar ST 200.Und im kommenden Jahr bringen wir den neuen Mondeo auf den Markt."

Zimmermann betonte, daß Ford nicht versuche, Marktanteile über starke Preisnachlässe zurückzugewinnen: "Wir kaufen keine Marktanteile, wir brauchen vielmehr das Geld, um unsere Zukunftsinvestitionen finanzieren zu können." Daß Ford Anfang des Jahres Kurzarbeit fahren mußte, erklärt der Vorstandschef unter anderem mit dem deutlich schwächeren italienischen Markt, wo verkaufsfördernde Maßnahme ausliefen.Da rund 60 Prozent der in Deutschland produzierten Ford in den Export gingen, sei das Unternehmen entsprechend betroffen.

Für den weiteren Jahresverlauf ist Zimmermann optimistisch.Auch wegen des Erfolges des Focus, der 1999 europaweit rund 560 000 und in Deutschland 140 000 Mal verkauft werden soll.Insbesondere der Focus belege, "daß wir uns von den Wettbewerbern über das Design abheben".Zwar "hat das Jahr schwach angefangen.aber die Konjunktur in Deutschland und Europa ist robust" und werde sich voraussichtlich zum Jahresende beschleunigen.Allerdings ist Zimmermann zufolge eine "große Verunsicherung in der Wirtschaft und bei den Konsumenten spürbar".Insbesondere wegen des "rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln" in der Politik.Aufgrund der Unsicherheiten hielten sich die Verbraucher mit Anschaffungen zurück.So werde auch am Auto gespart, "weil das ja für viele eine Rieseninvestition ist".Zu dem diesjährigen Tarifabschluß sagte der Ford-Chef, die Größenordnung habe man "in der Kalkulation gehabt".Es gebe einen gewissen Ausgleich durch die Produktivitätssteigerung sowie fallende Beschaffungspreise.An der Zahl der Ford-Mitarbeiter von gut 44 000 wird sich Zimmermann zufolge in den kommenden Jahren nicht viel ändern."Ich gege von einer Stabilisierung aus." Das bedeute allerdings auch, daß die rund 800 befristet Eingestellten im Werk Saarlouis kaum mit einer Festanstellung rechnen können.

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