Wirtschaft : Nur die Ruhe

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Berlin (ce/vis). Die Lösung ist nicht optimal, aber sie war wohl die beste, die in der verfahrenen Situation noch möglich war. So kann man die Reaktionen auf den Rücktritt von Telekom-Chef Ron Sommer und die Benennung von Helmut Sihler als Interimschef für sechs Monate zusammenfassen. Kritik gab es vor allem an der Rolle, die die Politik in der Auseinandersetzung gespielt hat. Aktionärsschützer erwarten zunächst keine Änderung in der Strategie. Aufsichtsratschef Hans-Dietrich Winkhaus kündigte allerdings eine Neuausrichtung des Konzerns an.

Telekom-Chef Ron Sommer hatte nach wochenlanger Auseinandersetzung über seine Person auf einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung am Dienstag seinen Rücktritt erklärt. Er habe nicht mehr das volle Vertrauen des Aufsichtsrates, sagte er. Das Gremium hatte ihm zuvor signalisiert, dass er auch die einfache Mehrheit der Stimmen in dem Kontrollgremium verlieren könnte, hieß es aus Unternehmenskreisen.

Michael Rogowski, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), kritisierte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und seinen Herausforderer Edmund Stoiber (CSU) für ihre „Einmischung“ bei der Deutschen Telekom. „Da hat die Politik von Schröder und anderen keine gute Rolle abgegeben“, sagte der BDI-Chef. „Damit meine ich auch Stoiber“, fügte er hinzu.

Rogwoski forderte den Bund auf, sich so schnell wie möglich aus dem Unternehmen zurückzuziehen. Derzeit ist der Bund mit 43 Prozent der Anteile größter Aktionär. „Es wird höchste Zeit, dass das Unternehmen jetzt völlig privatisiert wird“, sagte Rogowski. Er fürchte, dass „keine Ruhe einkehren“ werde, bevor nicht ein neuer Vorstandschef gefunden sei. „Nichts ist schädlicher für ein Unternehmen als diese Unruhe.“ Der Übergangschef Helmut Sihler sei eine gute Zwischenlösung, sagte er. Der Deutschen Telekom empfahl er, einen umfassenden Konsolidierungskurs zu fahren und von der hohen Verschuldung herunterzukommen.

Für den Leiter des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG), Meinhard Miegel, ist Sihler „eine gute Integrationsfigur". Der Führungswechsel von Sommer zu dem Übergangschef werde glatt über die Bühne gehen. „Herr Sihler wird eine Politik der ruhigen Hand im positiven Sinne machen“, sagte Miegel dem Tagesspiegel. Den Personalwechsel an der Spitze der Telekom nannte er eine „verunglückte Geschichte".

Bei der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) hält man die Berufung Sihlers für eine Verlegenheitslösung. „Diese Lösung ist alles andere als optimal“, sagte Jella Benner-Heinacher von der DSW. „Helmut Sihler ist ein honoriger Mann, aber vom operativen Geschäft in der Telekommunikation hat er keine Ahnung. Hinzu kommt sein beträchtliches Alter.“ Sie erwartet, dass der 72-jährige Sihler die alte Strategie zunächst weiterfahren wird. Sihlers Aufgabe ist es auch, einen endgültigen Nachfolger für Ron Sommer zu finden. Von dem erwartet Benner-Heinacher, „dass er ein internationaler Manager ist, der eine bessere Informationspolitik im Umgang mit dem Kapitalmarkt und den Medien betreibt und eine überzeugende Strategie vorlegt.“ Einen harten Sanierer erwartet sie nicht. „Die Telekom ist kein Sanierungsfall“.

Die Richtung gab Aufsichtsratschef Hans-Dietrich Winkhaus vor: Nach dem Führungswechsel stehe eine Neuausrichtung mit harten Einschnitten bevor. „Die Stichworte sind: Kostensenkungen, Qualitäts- und Effizienzsteigerung und Schuldenabbau“, sagte Winkhaus im ARD-Morgenmagazin. Verschiedene Ideen für die Neuausrichtung seien jetzt in der Planung, sagte Winkhaus. Die Basis seien „ein sehr gutes operatives Geschäft, aber auch der Verkauf der Kabelnetze“. Einzelheiten zum Sparkurs nannte er zunächst nicht.

Bereits unter Sommer waren Ende März Sparmaßnahmen beschlossen worden: Die Investitionen sollen um eine Milliarde Euro jährlich sinken, der Abbau von 10000 Arbeitsplätzen jährlich bis zum Jahr 2004 ist beschlossen. Beteiligungen sollen verkauft werden. Das Hauptproblem der Telekom ist der Schuldenberg von rund 65 Milliarden Euro.

Sihler kündigte bereits am Dienstagabend an, dass das Engagement bei dem US-Mobilfunkanbieter Voicestream neu überdacht werden müsse. Für Voicestream hatte die Telekom 35 Milliarden Euro bezahlt. Sihler sagte, alle Alternativen in den USA würden sehr sorgfältig erwogen. Es sei beruhigend, dass Voicestream Marktanteile gewinne. Das schließe aber eine Lösung nicht aus, die Voicestream schneller in die Gewinnzone führen würde. Es gibt bereits Berichte, Voicestream strebe eine Partnerschaft mit AT&T Wireless an. Die T-Aktie, legte nach dem Ende des Gerangels um die Telekom-Spitze zu. Das Papier kletterte bis Börsenschluss um knapp zehn Prozent auf zwölf Euro.

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