Wirtschaft : Nur ein kleiner Stich in den Kessel

Mit Mittal bekommen die Stahlwerker in Eisenhüttenstadt schon wieder einen neuen Eigentümer. Schocken kann sie das nicht mehr

Anselm Waldermann

Eisenhüttenstadt - Wer in Eisenhüttenstadt zur AEH möchte, sucht vergeblich. „AEH? Ham wa nich.“ Auch Schilder gibt es keine. Dabei ist das Unternehmen der mit Abstand größte Arbeitgeber am Ort – 3000 Menschen sind hier beschäftigt.

Das Problem ist der Name. Seit Mitte Juni heißt das traditionsreiche Eko-Stahlwerk so wie der Mutterkonzern: Arcelor Eisenhüttenstadt GmbH (AEH). Nur mag sich keiner an die neue Bezeichnung gewöhnen. „Für die Leute hier bleibt Eko immer Eko“, sagt Jürgen Schmidt, der Sprecher von AEH. Auch er selbst tue sich mit dem neuen Namen noch schwer.

Mit ihrer abwartenden Haltung liegen die Eisenhüttenstädter gar nicht so falsch. Warum soll man sich auch drei Buchstaben merken, die sich sowieso bald wieder ändern? Arcelor wird gerade von Mittal, dem weltweit größten Stahlkonzern, übernommen. Nach langem Hin und Her konnte Mittal bereits 50 Prozent der Aktien erwerben; wie groß der Anteil insgesamt wird, soll in dieser Woche bekannt werden. Für Eko wird das erneut eine Umbenennung bedeuten. „Damit ist zu rechnen“, sagt Schmidt.

Begonnen hat alles 1950 auf Pfeifers Acker. So nannten die Einheimischen das Fleckchen Erde, auf dem das Eisenhüttenkombinat Ost (Eko) entstehen sollte. Und eine ganze Stadt gleich dazu. Mitten in der kargen Heide ließen die DDR-Oberen Häuser für zehntausende Menschen aus dem Boden stampfen: Stalinstadt.

Auch später waren die Stahlwerker stets Einflüssen von außen ausgesetzt. 1961, während der Entstalinisierung, ließ die SED in einer Nacht- und Nebelaktion die Ortsschilder ummontieren. Die Bewohner erfuhren erst am nächsten Morgen, dass ihre Stadt nun Eisenhüttenstadt hieß. Nach der Wende war es dann die Treuhand, die die Geschicke des Werks bestimmte – und damit die der Stadt. „Eko ist Eisenhüttenstadt, und Eisenhüttenstadt ist Eko“, sagt Betriebsrat Frank Balzer. Schon seine Eltern und Großeltern waren bei Eko beschäftigt; heute arbeitet auch seine Tochter hier.

Zur Wende hatte das Stahlwerk 12 000 Mitarbeiter. Nach der Umstrukturierung in den 90ern waren es noch 2500. Erst kam die belgische Gruppe Cockerill Sambre; die schloss sich dann mit dem französischen Unternehmen Usinor zusammen; und das wiederum fusionierte 2001 mit Aceralia und Arbed zum größten europäischen Stahlkonzern Arcelor. Seitdem werden alle wichtigen Entscheidungen am Stammsitz in Luxemburg getroffen.

Heute schockt die Eisenhüttenstädter nur noch wenig. Dass mit Mittal schon wieder neue Herren vor der Tür stehen, nehmen sie gelassen. „Wer schon mal ums Überleben gekämpft hat, sieht die Welt mit anderen Augen“, sagt Balzer. „Wir sind fusionserprobt“, sagt Unternehmenssprecher Schmidt.

Am Hochofen merkt man von diesen Problemen nichts. Ab und zu fährt ein Gabelstapler vorbei, aber sonst wagt sich kaum ein Mensch in die Nähe des glühend heißen Metalls. Im Kern des Hochofens herrschen 1475 Grad Celsius. Die Kontrolle erfolgt vollautomatisch: Hinter sicheren Scheiben sitzen die Arbeiter in klimatisierten Räumen und verfolgen das Geschehen am Computer. Selbst den Abstich übernehmen Maschinen. Ein kleiner Stich in den Kessel, und das Roheisen fließt. „Unser Arbeitsschutz ist vorbildlich“, erklärt Betriebsrat Balzer. Gearbeitet wird rund um die Uhr. Drei Schichten teilen sich den Tag, eine vierte Schicht hat frei.

Eko gilt als eine der modernsten Hütten in Europa. Rund eine halbe Milliarde Euro wurden hier seit der Wende investiert. Das Unternehmen ist ein so genanntes integriertes Werk, das die gesamte Wertschöpfungskette abdeckt. Im Hochofen wird aus Eisenerz Roheisen gewonnen, im eigentlichen Stahlwerk wird daraus zusammen mit Schrott und Legierungselementen Rohstahl, der dann im Warmwalz- und im Kaltwalzwerk in die gewünschte Form gebracht wird. Allein das Kaltwalzwerk hat eine überdachte Fläche von 40 Fußballfeldern.

Auch sonst muss sich Eko nicht verstecken. Mittlerweile arbeiten hier wieder 3000 Beschäftigte, der Umsatz liegt bei 1,1 Milliarden Euro, und seit einigen Jahren wird sogar Gewinn erwirtschaftet. „Wir sind sehr gut aufgestellt“, sagt Schmidt. Innerhalb des Arcelor-Konzerns hat Eisenhüttenstadt die Funktion eines Brückenkopfs nach Osteuropa. Weil dort immer mehr Autos produziert werden, wächst die Nachfrage nach hochwertigem Stahl. „Manche Kunden, die bei Arcelor bestellen, wollen ausschließlich Stahl aus Eisenhüttenstadt“, sagt Schmidt.

Eigentlich beste Voraussetzungen, um auch im neuen Arcelor-Mittal-Konzern zu bestehen. Allerdings sind noch einige Fragen offen. Welche Strategie verfolgt Mittal? Werden Kapazitäten aus- oder abgebaut? Und vor allem: Was heißt das für Eko? „Das wird zentral entschieden“, sagt Schmidt. „Man wird uns rechtzeitig informieren.“ Bisher sei jedenfalls noch niemand von Mittal in Eisenhüttenstadt gewesen. Am Gesamtkonzern wird Eko nach der Übernahme nur knapp zwei Prozent ausmachen.

Immerhin hat Mittal zugesagt, in Deutschland auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. Betriebsrat Balzer ist deshalb optimistisch. „Wir sollten die Chancen sehen“, sagt er. So habe Mittal Zugriff auf Rohstoffe, von denen auch Eko profitieren könnte. „Vielleicht ändert sich ja auch die strategische Ausrichtung“, sagt Balzer. Damit meint er die alte Arcelor-Doktrin, nach der nur Standorte an der See ausgebaut werden. Mittal hingegen setzt auch auf Binnenstandorte – für Eko wäre das ein Fortschritt. Daneben könnte sich auch die zentralistische Ausrichtung bei Arcelor relativieren. So wickelt Mittal vorrangig den Einkauf zentral ab, ansonsten sind die einzelnen Werke verhältnismäßig selbstständige Einheiten. „Wir würden es sehr begrüßen, wenn es in diese Richtung ginge“, sagt Balzer.

Wenn alles gut geht, könnte bald sogar frisches Geld nach Eisenhüttenstadt fließen. „Am Kaltwalzwerk sind dringend Investitionen nötig“, erklärt Sprecher Schmidt. „Da geht es um mehrere Millionen Euro.“ Vor der Zukunft müsse man jedenfalls keine Angst haben. So sieht das offenbar auch die Jugend von Eisenhüttenstadt: Im September beginnen 50 Lehrlinge bei Eko ihre Ausbildung.

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