Wirtschaft : Nur nicht hetzen

Hannah Wilhelm

Seit Monaten "verriestert" die deutsche Werbung. An jeder Bushaltestelle fordern Plakate dazu auf, sich schnell die Riester-Förderung zu sichern. Im Fernsehen klärt in jedem Werbeblock mindestens ein freundlicher Herr darüber auf, warum man sich am besten noch heute um die Riester-Rente kümmern sollte. Auch in Zeitungsanzeigen ist zu lesen, dass die Zeit drängt. Doch Vorsicht - denn noch ist nicht klar, welche der zahlreichen Produkte die Zertifizierung vom Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen (BAV) erhalten - und damit förderfähig sind.

Um das begehrte Zertifikat zu erhalten, müssen die Angebote zur Altersvorsorge einige gesetzliche Vorgaben erfüllen. Zum Beispiel darf die Auszahlung erst ab dem 60. Lebensjahr beziehungsweise dem Rentenbeginn erfolgen. Außerdem müssen zu Beginn der Auszahlung mindestens die eingezahlten Beiträge zur Verfügung stehen und lebenslang konstante oder steigende monatliche Ausschüttungen gesichert sein.

4000 Anträge auf Zertifizierung sind beim BAV bislang eingegangen. Noch in diesem Monat will die Behörde die Antragssteller informieren, welche Angebote den Kriterien entsprechen. Einige Tage später wird die Liste der Produkte dann im Internet nachzulesen sein, so dass sich auch der Verbraucher informieren kann. Von den 4000 eingereichten Anträgen beziehen sich rund 3500 auf Musterverträge von Verbänden, denen in einer Vorzertifizierung bereits bescheinigt wurde, dass sie die Kriterien erfüllen. Deshalb geht das BAV auch davon aus, dass der überweigende Teil der Anträge positiv bescheinigt wird.

Doch auch, wenn die Zertifizierungen vergeben sind, sollte nichts überstürzt werden. "Man sollte diese Entscheidung nicht am 2. Januar treffen", sagt ein Sprecher des BAV. "Ich kann nur jedem raten, abzuwarten, bis alle Zertifizierungen vergeben sind und dann ausführlich zu vergleichen." Auch im Laufe des nächsten Jahres kämen noch weitere Produkte auf den Markt. Der Verbraucher sollte erst dann aus allen Angeboten auswählen.

Und die Zeit drängt nicht: "Es entstehen keine Nachteile, wenn man sich nicht jetzt sofort entscheidet", versichert der Sprecher. "Man kann sich noch bis Ende kommenden Jahres entscheiden, ohne dass einem die Förderung entgeht." Es bleibt also genug Zeit, um in Ruhe zu vergleichen. Die wird auch nötig sein, denn es werden noch mehrere tausend Produkte auf den Markt kommen. Da das Zertifikat nur bestätigt, dass die gesetzlichen Vorgaben erfüllt sind - und nicht, ob die Verträge wirtschaftlich sind - lohnt sich ein Vergleich auf jeden Fall.

Obwohl die Zertifikate noch gar nicht vergeben sind, sollen die Bundesbürger schon mehrere zehntausend "Riester-Verträge" abgeschlossen haben. "Blind-Abschlüsse" seien das, warnt die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. In den meisten Verträgen sei jedoch, sagt der Sprecher des BAV, eine Klausel enthalten, die - sollte das Produkt keine Zertifizierung erhält - Nachbesserungen zusichert. Wurde das Angebot einer Versicherung oder Bank im Verkaufsgespräch als Riester-fähig angepriesen und erhält die Förderung dann doch nicht, bestehen gute Chancen, den Vertrag zu kündigen. Denn damit wäre die Geschäftsgrundlage hinfällig.

Riester-Rente:

Durch die höhere Lebenserwartung und den Geburtenrückgang verändert sich die Altersstruktur in Deutschland. Immer mehr Rentenbezieher stehen so immer weniger Beitragszahlern gegenüber. Damit die gesetzliche Rentenversicherung trotzdem finanzierbar bleibt, hat die Bundesregierung das Rentenniveau zurückgenommen - es soll mittelfristig von derzeit 70 auf dann 67 Prozent des Nettolohns sinken. Die so entstehende Versorgungslücke soll durch eine zusätzliche private Altersvorsorge aufgefangen werden. Zum Abschluss dieser Zusatzversicherung wird niemand gezwungen, aber wer sie abschließt, bekommt dazu eine Förderung vom Staat. hw

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