Wirtschaft : Nur Traktoren laufen gut

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Von Alfons Frese

Die Mitteilung des Kraftfahrt-Bundesamtes war niederschmetternd. „Derartig niedrige Neuzulassungszahlen gab es bei den Kraftfahrzeugen in den ganzen 90er Jahren nicht“, kommentieren die Flensburger die Zurückhaltung der Deutschen beim Autokauf. Selbst der schwache Vorjahreswert wurde im Mai um mehr als 60000 Einheiten oder 15,5 Prozent unterboten. Für den Juni liegen noch keine Statistiken vor, aber derzeit deutet nichts darauf hin, dass der deutsche Automarkt seine nun dreijährige Krise bald überwindet.

Wenn Bernd Gottschalk, Präsident des Verbandes der Autoindustrie (VDA), „erste Stabilisierungstendenzen“ ausmacht, dann ist da viel Zweckoptimismus dabei. 2001 wurden in Deutschland 3,34 Millionen Autos neu angemeldet, in diesem Jahr werden es bestenfalls 3,2 Millionen sein. In den ersten fünf Monaten 2002 zählten die Statistiker 1385479 Neuzulassungen. „Kaum vorstellbar, dass 1999 zu dieser Jahreszeit bereits 288000 Pkw mehr als heute neu zugelassen waren“, schreibt das Kraftfahrt-Bundesamt.

Während sich die Deutschen als Automuffel zeigen, in den Käuferstreik treten oder aus Angst vor der Zukunft sparen, kaufen sich die Amerikaner unverdrossen neue Fahrzeuge. Für den weltweit wichtigsten Markt korrigierte der VDA erst kürzlich seine Prognose nach oben, statt 15,5 Millionen Fahrzeugen wird nun ein Absatz in den USA von mindestens 16,5 Millionen Pkw erwartet. Davon profitieren die deutschen Marken, insbesondere die Premiumanbieter. Mercedes-Benz hat im ersten Halbjahr 103000 Autos in den USA verkauft, das war ebenso ein Rekord wie die 124000 abgesetzten BMW und Mini. Nicht so gut lief es bei Porsche, die bis Juni 11427 Sportwagen absetzten, im Vorjahreszeitraum waren es noch 13074. Und VW verkaufte mit 170000 Fahrzeugen 1,7 Prozent weniger als im Vorjahr.

Alles in allem schlagen sich die deutschen Marken in den USA hervorragend – und zwar weitgehend ohne die massiven Verkaufshilfen, die von den Big Three den Kunden gewährt werden. Rabatte von 3000 Dollar sind bei General Motors und Ford seit Monaten ebenso üblich wie zinslose Kredite. Auch die angeschlagene Chrysler-Group musste sich widerwillig in die Rabattschlacht begeben, um nicht noch mehr Marktanteile zu verlieren. Bereits wenige Tage nach dem 11. September hatte die US-Autoindustrie beschlossen, den Markt mit zinslosen Darlehen beim Autokauf zu stützen. „Damit hat die Autoindustrie die gesamte Wirtschaft gestützt und zu wesentlichen Teilen getragen“, sagt Ford-Chef Nick Scheele. Überraschenderweise gab es bislang keine Einbrüche, wie nicht nur der VDA erwartet hatte. „Wenn wir bis Ende des Jahres 16 Millionen Einheiten verkauft haben, dann war das ein gutes Jahr“, sagt Scheele.

Offenbar sind die hohen Rabatte und Finanzierungskosten für die Autohersteller günstiger als nicht ausgelastete Fabriken. Bislang hat Chrysler am konsequentesten Kapazitäten abgebaut und Fabriken geschlossen. Ford und General Motors sind dabei aufzuholen. Denn irgendwann muss Schluss sein mit der Milliarden teuren Subventionierung des Absatzes. Und dann? „Es kommt entweder ein großes Absatzloch, oder die Konjunktur reißt es raus“, sagt Martina Noß, Autoanalystin der NordLB. Robert Pottmann von M.M. Warburg sieht die Marktpflege gelassen. Der Druck auf die Gewinne von GM, Ford und Chrysler werde durch Einsparungen auf der Kostenseite kompensiert. Insbesondere der größte Autobauer GM profitiere von den Verkaufshilfen.

Die Premiummarken haben das nicht nötig. Mercedes und BMW werden wegen des Images und der Qualität gekauft, nicht wegen des Preises. Das gilt für den amerikanischen Markt ebenso wie für den deutschen. Mercedes-Benz zum Beispiel hat im ersten Halbjahr mit 560000 Autos ungefähr so viel abgesetzt wie im Vorjahr – obwohl der Markt in Westeuropa insgesamt um vier Prozent zurückging. In Deutschland kommt Mercedes inzwischen auf einen Marktanteil von zwölf Prozent und liegt damit deutlich vor dem Massenhersteller Opel, der gerade erst den Mitarbeitern einen Sanierungsbeitrag von 80 Millionen Euro abgerungen hat. Der neue Vectra allein wird die Rüsselsheimer nicht aus der Krise bringen, und bis der neue Astra kommt, vergeht noch ein gutes Jahr.

VW ist zwar kaum mit Opel zu vergleichen – 2001 erreichte der größte Autohersteller Europas einen Rekordgewinn, der in diesem Jahr wiederholt werden soll – aber die wichtigsten Modelle der Wolfsburger, der Passat und der Golf, sind in die Jahre gekommen. Und so mancher potenzieller Golf-Käufer wartet vielleicht noch ein gutes Jahr, bis das nächste Modell des Klassikers zu den Händlern kommt. Dem ohnehin schwachen Markt fehlen in diesem Jahr die Impulse durch neue Modelle.

Von einer „Entwicklung ohne Glanz und Gloria“ spricht Autopräsident Gottschalk nach dem ersten Halbjahr. Immerhin der Export erreichte das drittbeste Ergebnis aller Zeiten. Und es gibt auch Erfreuliches aus der Zulassungsstatistik: „Die positive Zwischenbilanz der Ackerschlepper mit einer Zunahme von 10,6 Prozent ist geradezu auffallend“, schreibt das Kraftfahrt-Bundesamt.

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