Wirtschaft : Nur wenig Zweifel in der Industriestadt Detroit

ROBERT L.SIMISON FARA WARNER

Daimler-Chrysler-Fusion stößt kaum auf negative Resonanz / Bürgermeister Archer: "Detroit und Stuttgart haben viel gemeinsam"VON ROBERT L.SIMISON / FARA WARNER DETROIT.Nur wenige amerikanische Unternehmen haben sich in den letzten Jahren so patriotisch gegeben wie Chrysler.Als am vergangenen Mittwoch aber das Gerücht aufkam, daß sich die Nummer drei der Autoproduktion mit der deutschen Daimler-Benz AG verbündet, gab es überraschenderweise kaum negative Resonanz im sogenannten "Motown Detroit".Die Automobilindustrie der Stadt nannte sich einst "das Arsenal der Demokratie" und griff später als erste die japanischen Autohersteller an.Doch vom General-Motors-Sitz im innerstädtischen Renaissance Center über das Jeep-Werk von Chrysler in der Jefferson Avenue bis zu Ford Motor in der Michigan Avenue bedauern die Menschen jetzt nicht die bevorstehende Ankunft eines ausländischen Rivalen, sondern die Tatsache, keine Chrysler-Aktien zu besitzen.Obwohl sie einst als kurzsichtig und engstirnig kritisiert wurden, haben sich Detroit und seine Einwohner in überraschender Weise der Globalisierung zugewandt.Die Stadt sieht sich - zusammen mit Japan und Deutschland - immer mehr als Knotenpunkt der weltweiten Automobilindustrie."Für das Überleben von Chrysler ist es wichtig, zu diversifizieren und zu expandieren, um zu einem globaleren Unternehmen zu werden", sagt Lanita L.Gaines von United Auto Workers Local 7, das die Arbeiter in der Jefferson Avenue vertritt."Wir haben die Siebziger Jahre überlebt, als das Unternehmen fast bankrott ging.Viele Arbeiter bei Chrysler verloren ihre Heimat, Autos und Familien ...Solche Entscheidungen liegen heute in der Hand der Firma, damit wir das Ganze nicht noch einmal durchleben müssen und wir Arbeitsplätze für die jüngere Generation haben", sagt Gaines.Wenn die Fusion "gut für Chrysler ist, dann ist sie auch gut für die Region und für Detroit," sagt Paul Hillegonds, Präsident von Detroit Renaissance, einem Verbund von 49 leitenden Angestellten, die die Stadt wiederbeleben wollen."Ein Grund dafür, daß man nur wenige negative Reaktionen auf die Fusion finden wird, ist die ethnisch und ökonomisch gut gemischte Gemeinde in Detroit", so Hillegonds.Früher hingegen hätte man sich über ausländische Automarken lustig gemacht."Die Realität zeigt jedoch, daß wir in einer internationalen Wirtschaft leben."Am Mittwoch morgen rief Chrysler-Vorstand Robert J.Eaton den Detroiter Bürgermeister Dennis Archer an, konnte ihn aber nicht erreichen.Der Bürgermeister war gerade erst am Montag von seinem Besuch in Stuttgart zurückgekehrt.Dort hatte er eine Mercedes-Benz Fabrik besichtigt.Während er in Stuttgart war, habe er "keine Ahnung von den Gesprächen gehabt, die offenbar stattgefunden haben müssen", sagt Archer.Aber er versichert auch, daß die Nachricht ihn nicht sprachlos gemacht habe: "Ich vertraue Bob Eaton." Stuttgart und Detroit haben "viel gemeinsam", sagt der Bürgermeister.Ein Unterschied, den er aber festgestellt habe, seien die wenigen farbigen Menschen in dem Stuttgarter Werk gewesen.Archer, ein schwarzer Amerikaner, ist Bürgermeister der Stadt mit dem größten Anteil an Farbigen.Über 80 Prozent der Bevölkerung sind schwarze Amerikaner."Die amerikanischen Arbeiter werden von dem Geschäft profitieren", so Archer.Der Bürgermeister und andere geben jedoch auch zu, daß Detroit wahrscheinlich in eine Identitätskrise geraten wird.Die Anthropologin Marietta Baba von der Wayne State Universität in Detroit beschreibt es so: "Wir werden nicht mehr die Großen Drei, sondern die Großen Zwei sein." Außerdem sagt sie einen Zusammenprall der Kulturen voraus."Amerikaner sind nicht an solche Vorgänge gewöhnt.Wir rebellieren dagegen.Wir glauben, daß es das Beste ist, einfach loszulegen", fügt sie hinzu."Deutsche sind vorsichtig und gründlich.Sie achten auf Details." Und dann gibt es noch die unterschiedlichen Verhaltensweisen.Deutsche fahren selten bei Rot über die Kreuzung.In Detroit hingegen ist es fast unmöglich, wegen überhöhter Geschwindigkeit auf dem Freeway Strafzettel zu bekommen.Einige der Leute, die in den 80er Jahren für das Überleben von Chrysler kämpften, waren eher um die Erhaltung der Arbeitsplätze als um das Schicksal des Unternehmens besorgt."Wir haben diese Entscheidung gefällt, um Arbeitsplätze zu sichern und den Gemeinden zu helfen", sagt der ehemalige Gouverneur von Michigan, Jim Blanchard.Als Kongreßabgeordneter half er damals bei der Rettung von Chrysler.Wenn die Fusion stattfände, könne sie Chrysler stärken und Arbeitsplätze sichern."Trotzdem würde ich Chryslers Hauptsitz nicht gerne in Stuttgart wiederfinden müssen." Übersetzt, gekürzt und redigiert von Nina Fischer (Detroit), Joachim Hofer (Weltautos und Albrights Ultimatum) und Karen Wientgen (Geschichte der Fusion).

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