Wirtschaft : „Nur Zeit gewonnen“

Trotz der Einigung in Washington im Schuldenstreit fallen in ganz Europa die Kurse

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Angegriffen. Der Dollar ist am Montag zwar gestiegen – aber nur, weil die schwächelnde US-Wirtschaft auch den Euro belastet. Foto: dpa
Angegriffen. Der Dollar ist am Montag zwar gestiegen – aber nur, weil die schwächelnde US-Wirtschaft auch den Euro belastet. Foto:...Foto: dpa

Berlin - Wer angesichts des Kompromisses im US-Schuldenstreit mit Freudensprüngen an den Märkten gerechnet hatte, ist enttäuscht worden. Zwar schlossen die Börsen in Asien am Morgen nach der Entscheidung mit einem leichten Plus. Daraufhin stieg der deutsche Leitindex Dax zunächst an. Bis zum Abend war die gute Stimmung wieder dahin. Der Dax fiel bis Handelsschluss unter die Marke von 7000 Punkten, an den meisten europäischen Börsen sah es ähnlich aus. Der Dow Jones eröffnete in New York im Minus und blieb auch dort.

Es gibt mehrere Gründe dafür, dass die Investoren so zurückhaltend auf die Nachricht von der Einigung in der größten Volkswirtschaft der Welt reagierten. Zum einen muss die Einigung, die zwischen den Parteispitzen ausgehandelt wurde, noch vom Parlament abgesegnet werden. „Es ist fraglich, ob Republikaner und Demokraten ihre Leute zusammenkriegen. Da muss man noch zittern“, sagt etwa der Amerika-Spezialist der Commerzbank, Bernd Weidensteiner. Zum anderen erlaubt der Kompromiss zwar die Anhebung der Schuldengrenze und damit die Aufnahme weiterer Kredite – wie das Land im Gegenzug sparen will, darüber ist aber noch nicht viel bekannt geworden. „Man wird erst sehen müssen, ob es Kürzungsvorschläge gibt, die dann auch tatsächlich umsetzbar sind“, sagt Weidensteiner. Zudem hätten die Märkte bereits damit gerechnet, dass man am Ende eine Einigung finden würde: „Nicht umsonst haben die Führungskräfte der Finanzbranche den Politikern am Wochenende die Türen eingerannt.“

Die Finanzwerte hatten in den vergangenen Tagen am stärksten unter der Unsicherheit gelitten. Schließlich wären Banken und Versicherungen direkt betroffen, wenn die USA pleitegingen und ihre Kredite nicht zurückzahlen könnten. Am Montagmorgen erholten sie sich zunächst. Die Aktien der Commerzbank legten zwischenzeitlich sogar um 6,6 Prozent zu. Auch die meisten europäischen Banken- und Versicherungswerte stiegen. Später fielen sie aber alle wieder ins Minus. Ähnlich ging es konjunkturabhängigen Werten wie MAN, VW oder Adidas. Die Anleger hatten zunächst gehofft, dass mit einer Lösung der US-Schuldenkrise die Gefahr einer weltweiten Rezession gebannt sein könnte. Am Ende aber überwog offenbar die Meinung, dass die Gefahr nicht geringer geworden ist. Zu der Nervosität trug auch die Nachricht bei, dass der Einkaufsmanagerindex der US-Industrie überraschend negativ ausfiel. Er gilt als wichtigster Frühindikator der US-Wirtschaft – ein schlechtes Ergebnis spricht für weitere magere Monate. Schon das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal war schwächer ausgefallen als erwartet.

Wenn die Amerikaner weniger kaufen, schwächt das wiederum die europäische Exportwirtschaft. Im Vergleich zum Euro konnte der Dollar darum am Montag leicht aufholen.

Ob die USA die Lage in den Griff bekommen, hängt laut Analyst Weidensteiner vor allem von den Sparmaßnahmen ab, die zwar grundsätzlich beschlossen, aber noch nicht im Detail ausgehandelt sind. Wenn der Staat jetzt Ausgaben etwa für Infrastruktur senken müsse, könne dies die Konjunktur noch stärker belasten, meint Weidensteiner. „Es laufen ohnehin Konjunkturprogramme aus, wenn da noch zusätzlich gespart wird, könnte das die Wirtschaft bremsen.“

Schließlich ist auch noch völlig unklar, ob die Ratingagenturen ihre Drohung wahrmachen werden und das Ranking der USA von der Topnote AAA herabstufen. Dann müsste das Land mehr Zinsen für seine Kredite bezahlen. Und viele institutionelle Anleger, die verpflichtet sind, auf absolut sichere Werte zu setzen, müssten ihre US-Anleihen dann verkaufen und würden deren Kurse damit noch weiter in den Keller treiben. DZ-Bank-Analyst Christian Kahler warnt bereits: „Der angekündigte Plan ist vermutlich nicht ausreichend, das AAA-Rating der USA mittelfristig aufrechtzuerhalten. Eine erneute Diskussion der US-Staatsverschuldung gegen Jahresende dürfte die Märkte erneut belasten.“ Auch Commerzbank-Analyst Weidensteiner geht davon aus, dass die Ratingagenturen ihre Bonitätsnoten von den langfristigen Aussichten des Landes abhängig machen werden. „Sicher ist das Triple A noch nicht, die USA haben lediglich Zeit gewonnen.“ mit rtr

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