Obsoletes Medium : ''Ein Telegramm für Sie''

Im Alltagsgebrauch nur noch unter Diplomaten: Die Post hat das alte Medium fast aussterben lassen. Jetzt zieht ein Wettbewerber den Markt neu auf.

Anne Grieger,Kevin Hoffmann
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Schnell und stilvoll. Angestellte einer Telegrafie-Annahmestelle 1936. -Foto: Ullstein

Berlin - Walter Kohl, Sohn von Altkanzler Helmut Kohl, äußerte dieser Tage sein Befremden darüber, dass er und sein Bruder nicht zur Hochzeit des Vaters eingeladen waren. Erst danach sei er „über den Vollzug durch ein Drei-Zeilen-Telegramm informiert“ worden, wie er der Illustrierten „Bunte“ sagte. Helmut Kohl hatte im Mai in einer Rehabilitationsklinik die 34 Jahre jüngere Regierungsdirektorin Maike Richter geheiratet.

Doch neben dem Umgang mit den Söhnen erstaunt auch die Wahl des Mediums. Telegramm? Das klingt in Zeiten von E-Mail und SMS ziemlich gestrig. Dabei war das Telegramm in den 16 Regierungsjahren Kohls – 1998 wurde er abgewählt – praktisch die einzige Form, eine Nachricht schriftlich, schnell und stilvoll zu übermitteln. Mit Abstrichen galt das sogar bis 2003: Seitdem stellt die Deutsche Post Telegramme nicht mehr – wie seit Jahrzehnten – binnen Stunden zu, sondern erst am nächsten Tag. Und wenn der Bote den Empfänger nicht persönlich antrifft, landet das Telegramm ganz normal im Briefkasten, wie ein Post-Sprecher in Bonn erklärt.

Der Konzern hat das Nischengeschäft stiefmütterlich behandelt; 2003 gab der Konzern die letzte Pressemitteilung zu dem Thema heraus. Jetzt aber drängt erstmals ein größerer Wettbewerber auf den Markt: Anfang Juli startete das Unternehmen Unitel Telegram Services (UTS) mit Sitz in Zug in der Schweiz einen Pilotversuch, um das Medium neu zu beleben: UTS knüpfte ein Netz von rund 500 Zustellern, die die Telegramme innerhalb von zwei bis vier Stunden persönlich zustellen sollen. „Das klappte. Also haben wir uns entscheiden, den Service jetzt regulär anzubieten“, sagte UTS-Sprecher Rob van Hoof dem Tagesspiegel. „Bei der Post spielt das Telegramm ja praktisch keine Rolle mehr. Wir freuen uns dagegen täglich über mehr Kunden und treten jetzt auch im Inland als direkter Konkurrent auf.“

2001 hatte UTS bereits den Auslandstelegrammdienst von der Deutschen Telekom übernommen und betreibt heute die einst staatlichen Telegrammdienste in 43 Ländern, darunter in den Niederlanden, der Schweiz, Österreich, Großbritannien, Schweden, Polen, Hongkong und Singapur.

Genau wie die Post mag auch der UTS-Sprecher keine detaillierten Zahlen nennen, nennt die Zahl der täglich zugestellten Telegramme in Deutschland aber „vierstellig“ – Tendenz steigend. Ein Grund für den Erfolg sei, dass Call-Center-Mitarbeiter derzeit aktiv vor allem an Unternehmen herantreten und ihnen die Vorzüge des Telegramms aufzeigen. Die Kundenwerber nennen Beispiele wie: „Ein wichtiger Kunde oder Freund von Ihnen hat ein Kind bekommen, oder er heiratet, ein Familienmitglied ist gestorben. Sie wollen von sich hören lassen, aber anrufen ist keine Option. Was macht mehr Eindruck: eine SMS oder E-Mail – oder ein Telegrammzusteller, der persönlich, in Ihrem Namen, eine Botschaft überbringt?“ Die Blumen kann man übrigens gleich mitliefern lassen. 22,55 Euro kostet ein Telegramm (30 Worte mit Schmuckblatt, ohne Blumen) bei der Post, bei UTS rund die Hälfte.

Die Argumente, warum man so viel Geld für so wenige Worte ausgeben sollte, sind so alt wie das Telegramm selbst: Historisch war Deutschland sogar Vorreiter in Sachen Telegrafie. In den 1930er Jahren war das Deutsche Reich das erste Land, das flächendeckend die Telex-Maschine einführte, eine Weiterentwicklung der drahtlosen Radiotelegrafie, die viel genauer Daten übermitteln konnte, als frühere Telegrafen. Die Technik wurde vor allem vom Nazi-Regime als Kommunikationsmittel genutzt. Nachrichten wurden verschlüsselt an den Empfänger geschickt, als Telex-Adresse diente eine bestimmte Zahlen- und Buchstabenkombination.

1978 wurden immerhin noch rund 13 Millionen Telegramme in Deutschland verschickt. „Heute ist die Telegrafie irgendwie prähistorisch“, sagt sogar der Kommunikationshistoriker Klaus Arnold von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, der es wissen müsste.

Im Alltagsgebrauch ist die Telegrafie nur noch unter Diplomaten: So unterhält das Auswärtige Amt dazu einen eigenen Dienst, der bis heute auch die Glückwünsche und förmlichen Beileidsbekundungen von Bundesregierung und Bundespräsident über die Botschaften verschickt. Telegramme gehörten demnach auch für Helmut Kohl über 16 Jahre lang zum Alltag. Vielleicht haben seine Söhne das einfach vergessen.

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