• Obwohl 56 Filialen zur Firmenkette gehören, nennt der Chef seine Kette demonstrativ einen Kleinbetrieb

Wirtschaft : Obwohl 56 Filialen zur Firmenkette gehören, nennt der Chef seine Kette demonstrativ einen Kleinbetrieb

Matthias Oloew

Ein Patriarch sieht anders aus. Michael Lindner hat sein graues Jackett über die Stuhllehne gehängt und plaudert munter über die Firma, die er von seinem Vater übernommen hat: "Erzwungen wurde das nicht", sagt er, "auch wenn ich lieber Medizin statt Betriebswirtschaft studiert hätte." Die Haare sind in den letzten Jahres etwas schütterer geworden, aber altväterlich wirkt er trotzdem nicht. Und deshalb mag er es nicht, seine Rolle als Patriarch zu bezeichnen. Rein formal sieht es aber so aus. Er ist der alleinige Chef von 56 Filialen von "Butter Lindner", einem Familienbetrieb, den sein Vater 1950 in Berlin gegründet hatte.

540 Mitarbeiter beschäftigt er heute, davon 64 Lehrlinge: "Eine große Verantwortung", so Lindner, der er mit seinen Unternehmensgrundsätzen gerecht werden will. 1992 schrieb er: "Ich selbst bin davon überzeugt, daß jeder Mensch in persönlicher Verantwortung vor Gott steht. Entsprechend werde ich bestrebt sein, mein Unternehmen nach den Grundwerten des christlichen Glaubens und seinen festen Regeln zu führen."

Trotzdem: Michael Lindner will kein Patriarch sein. Seine Firma, wo die Butter nach wie vor vom Block verkauft wird und der Käse scheibchenweise über die Ladentheke geht, bezeichnet er demonstrativ als Kleinbetrieb. Ein Wahrnehmungsproblem? Wohl kaum. Michael Lindner feilt am Image der Lebensmittelkette. "Butter Lindner" soll der Gegenentwurf zu den großen Supermarktketten sein, die im mörderischen Konkurrenzkampf der Konzerne stehen. Bei "Butter Lindner" steht viel Personal hinter und vor den Auslagen, um die klassische Kaufmannstradition hoch zu halten.

Um das noch stärker herauszustellen, werden peu à peu die Butter Lindner-Filialen umgebaut. Goldene Schrift auf dunkelblauem Grund sehen ein bisschen edler aus, als die bisher vorherrschende weiße Einheitsfassade. Draußen baumelt ein metallener Wimpel mit dem Firmenlogo, drinnen ist das Konzept unverändert: Das bodenständige Sortiment aus 850 Artikeln ist überschaubar und auserlesen. Wer aber "Butter Linder" als Feinkostgeschäft bezeichnet, erntet vom Chef schon wieder ein entschiedenes "Nein." "Wir sind ein Fachgeschäft für feines Essen", sagt er, wohl wissend, dass so die Grenzen zur Feinkost fließend sind, aber auch, dass so viele Filialen vom Verkauf von Feinkost alleine sich nicht betreiben lassen. Eine kleine Nische ist das , die "Butter Lindner" im Lebensmittelsegment da ausfüllt. "Aber wir arbeiten hart daran, diese Nische auszufüllen", sagt er und erklärt so indirekt, welche Zielgruppe Michael Lindner im Auge hat: Kunden mit einem aufgeprägten Dienstleistungsbedürfnis. "80 Prozent unseres Umsatzes machen wir über den Verkauf in Bedienung", sagt er nicht ohne Stolz und schenkt nochmal Kaffee nach. "Bei uns gibt es eine qualifizierte Beratung, welcher Wein zu welchem Essen passt." Das hat freilich seinen Preis.

Und das ist vermutlich auch der Grund dafür, warum "Butter Lindner" im Ostteil der Stadt und im Umland so gut wie gar nicht vertreten ist. "Wir sind im Osten leider nicht zurecht gekommen", sagt Michael Lindner und will nicht so gerne über dieses Thema sprechen. Nur soviel: Es wird noch Jahre dauern, bis er einen neuen Anlauf wagen will. Stattdessen expandiert er in Hamburg. 1998 eröffnete er die erste Filiale in Eppendorf, es folgte ein Geschäft in Winterhude, im Herbst wird die dritte Filiale in Othmarschen aufgemacht. "Mit dem Start in Hamburg sind wir sehr zufrieden", sagt er, und lächelt verschmitzt, so, dass es seinem Gegenüber kaum auffällt.

Dem Image als Einzelhändler mit Tradition folgend, hält Michael Linder an den Wurzeln des Unternehmens fest. Nach wie vor unterhält er neun Verkaufswagen, die auf 28 Wochenmärkten unterwegs sind. Vater Robert Lindner hatte 1950 auf diese Weise angefangen. Er zog von Markt zu Markt und entwickelte aus dem Verkauf von Butter und Käse das Kerngeschäft des Unternehmens. Erst 1964 wurde "Butter Lindner" sesshaft, mit einem ersten Laden in Spandau, schon damals in der bewussten Abgrenzung zu den in Mode kommenden Supermärkten: "Vater wollte ein Fachgeschäft betreiben - mit Bedienung". Das war keine Ignoranz gegenüber den Gesetzmäßigkeiten des Marktes, aber die Lindners sperren sich dagegen, dem Zeitgeist und seinen Modetrends zu verfallen. Die können Lindners offenbar nicht ausstehen. Dabei ist es bis heute geblieben.

Vor knapp zehn Jahren verstarb Robert Lindner. Sein Sohn Michael, schon zuvor in der Führung des Unternehmens tätig, übernahm die Leitung. Mit dabei ist sein Bruder Stephan, der den Ladenbau und die Investitionen beäugt. Daneben ist Michael Lindner mit der Firma "Lindner Wohnbauten" auch in der Immobilienbranche tätig, die als Geschäftsführer jedoch sein Bruder Johannes führt. 1979 ging die Unternehmenszentrale um Ostpreußendamm in Lichterfelde in Betrieb, 1991 kombinierte Lindner das erste Mal eine Filiale mit Backwaren. Heute führen zehn seiner Geschäfte Brot und Kuchen. "Backfrisch" nennt der Chef das Konzept.

"Butter Lindner" soll ein Familienbetrieb bleiben. Aber Michael will es so halten wie sein Vater: zwangsweise vererben gilt nicht. Seine fünf Kinder sollen selbst entscheiden, was sie machen wollen. Aber auch darüber redet der Chef nicht so gerne. Ans Aufhören denkt er nicht. Schließlich ist er erst 47.

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