Wirtschaft : Oderflut kostet Milliarden

Rückversicherer sind mit zweistelligen Millionenbeträgen mit im Boot

MÜNCHEN (tmh)."Die Gesellschaft ist nicht bereit, Schäden zu sozialisieren." Mit dieser pessimistischen Einschätzung kommentierte Gerhard Berz, Chef-Meteorologe der Münchener Rückversicherungs-AG, am Montag in München die Überschwemmungen an der Oder.Berz spricht für die größte Rückversicherung der Welt.Da weniger als ein Prozent der hiesigen Bevölkerung und nur drei bis sechs Prozent aller Hausbesitzer in chronischen Hochwasser-Regionen wohnen, lehnt auch die Münchener Rück eine Pflichtversicherung zur Abdeckung von Schäden durch Fluten ab, wie es sie etwa in der Schweiz gibt.Damit stehen Überschwemmungsopfer in großen Teilen Deutschlands aber ohne einen entsprechenden Versicherungsschutz da, räumten die Münchener Versicherungsexperten ein.Denn gegen Hochwasser kann sich nur versichern, wer nicht in gefährdeten Gebieten wohnt.Eine Ausnahme bildet Ostdeutschland, wo es noch einen großen Altbestand an entsprechenden Policen aus DDR-Zeiten gebe und Baden-Württemberg, wo das Auslaufen einer ähnlichen Versicherung Mitte 1994 bislang noch kaum zum Abschmelzen der Policen geführt habe, sagte Versicherungsexpertin Gerda Chmielorz.Neu abschließen könne man solche Policen, die Hochwasserschäden einschließen, in Deutschland aber nicht mehr. Etwa zwei Drittel aller in Ostdeutschland betroffenen Gebäude seien noch gegen Hochwasser versichert, schätzt Chmielorz.Das treffe vor allem den Versicherungsriesen Allianz, der die Altverträge in seinen Bestand übernommen habe und nun versicherte Schäden von insgesamt gut 100 Mill.DM zu verkraften habe.Die Münchener Rück sitzt trotz des Hochwassers dagegen weitgehend im Trockenen.Derzeit rechne er mit Schäden im Bereich zweistelliger Millionensummen, schätzte Vorstand Wolf Otto Bauer.Selbst wenn weitere Deiche brechen würden, könnte die Münchener Rück mit maximal einer niedrigen dreistelligen Millionensumme zur Kasse gebeten werden.Denn anders als etwa Erdbeben würden Schäden durch Hochwasser allgemein kaum in Rückdeckung genommen.Auf Seiten der Assekuranz sei damit die Allianz Hauptgeschädigte der Hochwasser-Katastrophe.Bei Rückversicherern können sich allgemein Erstversicherer gegen Versicherungsschäden absichern. Die starken Regenfälle in Mitteleuropa, die das Hochwasser ausgelöst hatten, passen im übrigen nicht zum Klimatrend, sagte Berz.Sehr viel wahrscheinlicher sei in unseren Breitengraden eine Zunahme von Dürren.Hochwasser wie derzeit würden statistisch alle 15 bis 20 Jahre auftreten.Die Oder-Deiche hätten sich zudem bislang als erstaunlich stabil erwiesen und zählten zu den besten in Mitteleuropa.Aber gerade deshalb könnten sie ein falsches Gefühl von Sicherheit geben.Überschwemmte Ortschaften sollten nun nicht mehr besiedelt und statt dessen zu Schutz-Auen werden, meint Berz. Schätzungen darüber, wie hoch die versicherten oder die volkswirtschaftlichen Gesamtschäden durch die Fluten an der Oder sind, hat man auch bei der Münchener Rück nicht parat.In Polen und Tschechien hätten die Regenfälle der jüngsten Zeit zu volkswirtschaftlichen Schäden von 6 bis 10 Mrd.DM geführt, schätzt man.Davon seien etwa zehn Prozent versichert.In Deutschland dürften die Schäden weit niedriger liegen, auch weil vorwiegend Agrarland mit relativ niedriger Wertedichte überschwemmt ist, erklärten die Experten der Münchener Rück.Ob als Folge der Schäden betroffene Erstversicherer nun ihre Beiträge erhöhen, konnten sie nicht sagen. Weltweit seien Überschwemmungen die Naturkatastrophe Nummer eins.1991 kostete eine Überschwemmung in Bangladesch 140 000 Menschen das Leben.Fünf Jahre später verursachten Fluten in China volkswirtschaftliche Schäden von 26,5 Mrd.Dollar.Die Assekuranz war zuletzt bei einer Überschwemmung in Japan mit 5,2 Mrd.Dollar am schlimmsten getroffen.

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