Wirtschaft : Öko-Trend bei Versicherern: Katastrophen werden immer teurer

Marc Schürmann

Willkommen in der Galerie der Katastrophen: Eine Großaufnahme zeigt eine Schuttwüste, wo vorher mal ein Stadtteil gewesen sein muss, wo jetzt haufenweise Steinbrocken liegen, Drähte, Fensterrahmen, Autotüren, Möbelfetzen, stöbernde Menschen. Nächstes Foto: umgestürzte Häuser. Dann: Hochwasser, aus dem noch knapp ein paar Fassadendächer ragen. Diese Bilder hängen im Büroflur der Katastrophenforscher. Dabei arbeiten die Wissenschaftler der "Münchener Rück" in einem schönen Gebäude, herbstfarbene Altresidenz direkt am Englischen Garten, friedlich und ruhig. Der Chefforscher, Gerhard Berz, ist etwa 60, studierter Meteorologe und Geophysiker. Und er schafft es, verheerende Naturgewalten so sanft zu schildern, als spräche er über den Sommer und die Biergärten im Englischen Garten.

Was er sagt, ist oft gehört worden: Weltweit gibt es immer mehr Naturkatastrophen. Es fallen immer mehr extreme Niederschläge vom Himmel. Die Erderwärmung nimmt zu. Das Ozonloch. Kurz: Wenn es so weitergeht, geschieht Schreckliches. "Stellen Sie sich vor", sagt Berz, "in hundert Jahren haben wir hier in München um sechs Grad höhere Sommertemperaturen, dann sind die Menschen doch am Boden." Hundert Jahre? "Spätestens. Vielleicht früher."

Gerhard Berz ist Naturwissenschaftler, angestellt aber ist er bei kühl kalkulierenden Wirtschaftlern: Die "Münchener Rück" ist der größte Rückversicherer der Welt - eine Versicherung für Versicherungen, die Milliardenschäden selbst nicht abdecken können. Der Konzern ist also ein Teil der privaten Wirtschaft, wo die Menschen naturgemäß mit viel Eigensinn handeln. Doch Berz klagt, warnt und prognostiziert mindestens ebenso finster, wie es Umweltschützer tun. Denn Klimastörungen und Naturkatastrophen kosten Geld, viel Geld.

1999 war das schlimmste Jahr. Da wüteten die Orkane "Lothar" und "Martin" durch Frankreich und Deutschland, die "Münchener Rück" musste für die Schäden eine Rekordsumme bezahlen, rund zwei Milliarden Mark. Derzeit brennen die Wälder in den USA und verschlingen ebenfalls Versicherungsgelder. Bilanz des 20. Jahrhunderts: weltweit 50 000 Naturkatastrophen, vier Millionen Tote. Insbesondere die wirtschaftlichen Folgen sind verheerend, weil immer mehr Menschen immer dichter zusammenleben, weil moderne Technologien anfällig sind und vor allem, weil Treibhausgase das Weltklima verschlechtern. Dadurch nimmt die Zahl der Stürme, Hitzewellen, Brände und Überschwemmungen zu. Und eine Versicherung muss etwa bei einer Sturzflut nicht nur für nasse Keller zahlen, sondern auch für Autoschäden, defekte Technik und ausgefallene Veranstaltungen.

Je mehr Menschen versichert sind, desto öfter müssen die Versicherer zahlen. Dabei tauchen Erdbeben und Überschwemmungen in Afrika oder Asien in den Schadensstatistiken nur am Rande auf, denn in diesen Regionen sind nur wenige Menschen versichert. Doch die Schäden allein in der westlichen Welt kosten die Versicherer so viel Geld, dass sie die Katastrophen nicht länger unbeschränkt bezahlen wollen.

Die Versicherer also als Umweltapostel. "Wir brauchen endlich einen Meinungsumschwung", sagt Berz. Weniger Kohlendioxid, weniger giftigen Dünger, die Politiker müssen ihre Versprechen halten. Er fordert all das, was Umweltorganisationen längst verlangen. Allerdings haben die Versicherer einen besseren Stand in der Wirtschaft, zu der sie ja selbst gehören und mit der sie durch Kapitalanlagen so weit verflochten sind, dass sie durchaus Einfluss nehmen können auf die Umweltfreundlichkeit mancher Unternehmen. Außerdem finden die Versicherer mehr Gehör bei Politikern, "die unsere Zahlen eher akzeptieren" als etwa die von Greenpeace, obwohl es oft dieselben Zahlen aus denselben Quellen sind.

Trotzdem stößt auch Berz an Grenzen. "Das Problem ist die Vermittelbarkeit." Beispiel Ökosteuer: Wer das Benzin teurer macht, hat bei der nächsten Wahl geringere Chancen. "Im Grunde", sagt Berz, "brauchen wir die Katastrophen." Damit die Menschen merken, wie ernst die Lage ist.

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