Ökologie : US-Starautor Friedman ruft die grüne Revolution aus

Die Krise sei ein Herzinfarkt, eine letzte Warnung der Ökonomie und Ökologie, sagt der Bestsellerautor Tom Friedman. Die Welt brauche die grüne Revolution - und anzetteln muss sie Amerika.

Kevin P. Hoffmann

Berlin - Gegen Anfang seines Vortrages wirft Starautor Tom Friedman ein Foto an die Leinwand, aufgenommen in Südafrika: Es zeigt ein Plakat, Werbung für einen Smart-Kleinwagen aus dem Hause Daimler. Der Spruch dazu in fetten Lettern lautet: „German Engineering. Swiss Innovation. American nothing“. „I hate that“, schimpft Friedman. Jetzt werben die Autohersteller schon damit, dass nichts Amerikanisches mehr in ihren Produkten steckt. Das dürfe nicht sein. Die Welt brauche die grüne Weltrevolution – und anzetteln muss die Amerika.

Mittwochabend vor der American Academy in Berlin: Thomas L. Friedman, Korrespondent und Kolumnist der „New York Times“, dreifacher Pulitzerpreisträger und Bestsellerautor hält seinen Vortrag vor rund 130 Gästen auf Basis seines jüngsten Buches: „Hot, Flat, and Crowded“, das in diesem Jahr auch übersetzt unter dem eher müden Titel „Was zu tun ist. Eine Agenda für das 21. Jahrhundert“ erschienen ist. Den 56-Jährigen könnte man als Michael Moore der Printjournalisten beschreiben, fast so bissig und radikal, nur nicht so prollig. Er plädiert für den Eingriff des Staates in die Märkte, kritisierte vor Monaten auch die Bundesregierung für ihr zögerliches Auflegen der Konjunkturpakete. Er nimmt eine globale Perspektive ein – im Sinne von „Mutter Natur“, wie er sagt. All das würde ihn nach deutschen Maßstäben zu einem Linken machen. Zugleich markiert er leidenschaftlich den Nationalisten – oder Patrioten, wie Amerikaner sagen.

Die globale Krise seit 2008 sei der Herzinfarkt gewesen, eine letzte Warnung der Ökonomie und Ökologie vor dem Kollaps. Vor dem Hintergrund habe er es satt, dass diejenigen, die alle grünen Ideen abbügeln, über Jahrzehnte dafür gesorgt haben, dass das Wort „Grüner“ so negativ besetzt ist. „Wer als grün bezeichnet wird, gilt bei uns in den Staaten als Mädchen-Typ, Weichei, als Baumschmuser. Das ist Quatsch: Grün bedeutet heute Arbeit, Kapitalismus, Freiheit! Grün muss rot, weiß, blau werden“, ruft Friedman. Die Farben der Flagge der USA. Er scheint dem Publikum, darunter Bundestagsabgeordnete und Unternehmer von beiden Seiten des Atlantiks, jetzt ganz nah zu sein.

Friedman berichtet von Kongressen in China, auf denen er regelmäßig spreche. Dort bekam er früher immer wieder zu hören: „Ihr Amerikaner habt durch euer Wachstum 150 Jahre lang die Luft verpestet. Jetzt sind wir dran.“ Darauf sagte er: „Kein Problem, das ist nur fair. Dann legt mal los mit eurem Wachstum. Derweil werden wir Amerikaner die grünen Techniken entwickeln. Und dann kommen wir in fünf Jahren zu euch und verkaufen euch den ganzen Kram. So läuft das.“ Vor wenigen Jahren noch habe er damit Stirnrunzeln bei Chinesen ausgelöst. Heute klappe das kaum noch. „Die haben längst verstanden und bauen die Solarzellen lieber selber“, sagt Friedman.

Manchmal habe er diese Fantasie, dass man die USA nur einen Tag lang wie China regieren könnte. Einmal kurz ohne Senat und Kongress die nötigen Steuern und Gesetze beschließen, mit denen man die Rahmenbedingungen schaffen könnte, um die grüne Revolution „von unten“ wachsen zu lassen. Im Entwickeln kreativer Lösungen seien die USA unschlagbar, sagt Friedman. Aber freiwillig werde die Industrie die Lösungen nicht suchen. In dem einen Tag Öko-Diktatur würde er dem Land eine Regel verordnen, die es heute schon in drei Bundesstaaten, darunter in Kalifornien, gibt: Dort erhalten Stromkonzerne nicht mehr Geld, wenn sie mehr Strom verkaufen. Sie erhalten umso mehr Geld, desto mehr ihre Kunden Energie sparen. Kevin P. Hoffmann

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