Ökonom Michael C. Burda : Bei Sarrazin kommen die Vorteile des Euro zu kurz

Europa braucht den Euro nicht, schreibt Thilo Sarrazin. Wirtschaftsprofessor Michael C. Burda hat das Buch gelesen - und findet, dass der Ex-Bundesbanker zu leichtfertig mit den Griechen umgeht.

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Erfahrung mit Währungspolitik hat Thilo Sarrazin. Mit seiner typischen Art der Zuspitzung will er diese nun zur Buchauflage machen.
Erfahrung mit Währungspolitik hat Thilo Sarrazin. Mit seiner typischen Art der Zuspitzung will er diese nun zur Buchauflage...Foto: dpa

Keiner kann Thilo Sarrazin vorhalten, ihm fehle die Fachkenntnis, um dieses Buch zu schreiben. Als Beamter im Bundesfinanzministerium, Federführender bei der deutsch-deutschen Währungsunion, Berliner Finanzsenator und Bundesbankvorstand verfügt er über praktische wirtschafts- und finanzpolitische Erfahrung, von der Professoren nur träumen können. Sein 460 Seiten starkes Werk ist ein Rundumschlag über den Euro sowie eine Generalabrechnung mit jenen Politikern, die sich vor 20 Jahren über ökonomische Gesetze hinwegsetzen wollten.

Sarrazin zeichnet in typisch trockenen, aber auch markanten Worten die Entstehung, die Entwicklung und gegenwärtige Gefährdungslage der Europäischen Währungsunion auf. Er kommt zu einem Schluss, der bereits im Titel steht: Wir brauchen den Euro nicht, weder die Deutschen noch die übrigen Europäer.

Die Kernthesen sind einfach und bekannt, aber selten so klar und ausführlich dargestellt: Die politischen Eliten haben die Warnungen der Fachleute ignoriert und die währungspolitische Karre vor das politische Pferd gesetzt. Anstatt der Einführung eines gemeinsamen Geldes als Krönung einer politischen Integration haben die Politiker letzteres durch ein gemeinsames Geld erzwingen wollen. Sie haben gravierende ordnungspolitische Baufehler im Euro-Gebäude zugelassen in der Hoffnung, sie irgendwann später zu richten.

Manche Fehler sind Ergebnis der Flüchtigkeit, mit der das Haus erbaut wurde; andere sind kolossale Missverständnisse über die Ernsthaftigkeit der zu Grunde liegenden Prinzipien der fiskalischen Solidität. Weil kein Föderalstaat die Fiskalpolitik koordiniert und die Staaten der Euro-Zone ihre Souveränität nicht aufgeben wollten, hat die Fiskalpolitik der Einzelländer die Oberhand bekommen, und die EZB droht zum Finanzier der wachstumsschwachen und wettbewerbsunfähigen Länder zu entarten. Der Länderhaftungsausschluss wurde ausgehöhlt.

Bereits Thilo Sarrazins voriges Buch hatte eine starke Debatte ausgelöst:

Thilo Sarrazin, seine Frau und sein Buch
Ein Jahr ist es her, dass Thilo Sarrazins Buch in den Läden stapelweise auslag. Die Debatte über seine Thesen ist noch nicht beendet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 36Foto: dpa
21.01.2011 18:02Ein Jahr ist es her, dass Thilo Sarrazins Buch in den Läden stapelweise auslag. Die Debatte über seine Thesen ist noch nicht...

Sarrazin spickt seine Analyse mit einschlägigen persönlichen Erfahrungen im Finanz- und Arbeitsministerium, zu Zeiten nach dem Zerschellen des Bretton-Woods-Systems fester Wechselkurse. Bretton Woods war gescheitert wegen der Unfähigkeit einiger Länder (vor allem der USA), die Spielregeln des Dollar-Gold-Standards einzuhalten. Nicht zu Unrecht sagt Thilo Sarrazin, ein Währungssystem sei nur so tauglich wie die Bereitschaft der beteiligten Länder, sich an die Regeln zu halten. Das Beste sei, auf eine Art feste Wechselkurse zum Gold (oder einem solideren Euro) einzuführen, jedem Land aber das Recht zu lassen, vom Ventil der Abwertung Gebrauch zu machen.

Griechenland könnte gegenwärtig das Ventil des Wechselkurses gut gebrauchen, weil die Löhne und Preise nicht nach unten flexibel sind. Das „no bail-out“-Prinzip muss neu aufgelegt werden. Grundsätzlich hat Sarrazin mit seiner Diagnose recht: Die Währungsunion kann unter den gegebenen Umständen nicht funktionieren. Der Maastricht-Vertrag war ordnungspolitisch sauber. Das Problem war, dass nicht alle Länder ihn gleichermaßen ernstgenommen haben. Das Fehlen eines ausdrücklich etablierten Länderinsolvenzverfahrens hat zehn Jahre lang eine unnatürliche Zinskonvergenz nach der Euro-Einführung zugelassen, die den realexistierenden Risiken nicht entsprach und zu bekannten Exzessen führte. Bisherige Maßnahmen zielten eher darauf, Gläubiger und Bankaktionäre vor Verlusten zu schützen als Schuldnern Anreize zu besserer Kreditwürdigkeit zu geben.

Beim Titel des Buches bin ich weniger überzeugt. Die Vorteile der gemeinsamen Währung kommen zu kurz; Studien belegen, dass die Handelsintegration durch eine Währungsunion gefördert wird. Niedrige Wachstumsraten im Süden Europas haben weniger mit dem Euro als mit schlechten Wirtschaftsverfassungen zu tun, die definitiv nicht durch Abwertungen verbessert werden, sondern durch echte Reformen. Der Euro hat den Druck auf Deutschland erzeugt, Arbeitsmarktreformen durchzuführen.

Selbst wenn die Währungsunion schlimme Fehler hat, was nun? Soll man die Griechen gehen lassen? Amerikaner sagen gern: „Die Zahnpasta kriegst Du nicht so leicht wieder in die Tube.“ Sarrazin geht zu leichtfertig mit den Konsequenzen eines Ausstiegs um, gerade in der heutigen Zeit. Die Auflösung einer Währungsunion hat unerwartete Folgen für die Handels-, Finanz- und Wirtschaftsbeziehungen zwischen Regionen. Für Griechenland bedeutet dies: 1.) Liquiditätskrisen, Bankenschließungen und ein Kollaps des Zahlungssystems; 2.) die Einführung von Notgeld, das der Staat zur Bezahlung seiner unzähligen Bediensteten braucht und das sich um 50 Prozent oder mehr abwerten wird; 3.) starke Produktionseinbrüche; 4.) einen Anstieg der Arbeitslosigkeit und verstärkte Emigration; und 5.) Rückkehr der Kapitalflüchtigen, um von der ganzen Misere zu profitierten. Bei diesem Chaos würden weltweit Abschreibungen nötig und Finanzderivate fällig, mit schwer übersehbaren Konsequenzen für das globale Finanzsystem. Für Europa ist das ein Abgrund von Unwägbarkeiten. Bevor wir springen, sollten wir es uns gut überlegen.

Dieses Buch ist aktuell und unterhaltsam, und – wie zu erwarten – treibt es der Autor auf die Spitze. Sarrazin erklärt komplexe Sachverhalte besser als manche akademischen Lehrbücher, wenn auch vereinfacht und monokausal. Nicht selten spürt man eine gewisse Abneigung gegen die angelsächsische Presse und die Banken- und Finanzwelt, die für die Glaubwürdigkeit seiner Argumentation schädlich ist. Es handelt sich um makroökonomische Wirtschaftspolitik pur – und wer sich damit abgeben will, wird Spaß daran haben, auch wenn die Zukunft so düster aussieht.

Michael C. Burda ist US-amerikanischer Makroökonom und Professor für Wirtschaftstheorie an der Berliner Humboldt Universität

Thilo Sarrazin: „Europa braucht den Euro nicht – Wie uns politisches Wunschdenken in die Krise geführt hat“, Deutsche Verlags Anstalt, 464 Seiten, 22,90 Euro

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