Ökostrom : Finanzkrise: Der Stromverbauch sinkt

In den vergangenen Jahrzehnten ist mit der Wirtschaftsleistung meist auch der Stromverbrauch gestiegen – auch in konjunkturell schwachen Zeiten. Das dürfte sich in diesem Jahr ändern.

Kevin P. Hoffmann
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BerlinExperten und Stromwirtschaft rechnen damit, dass der Energiehunger 2009 abnimmt. „Zumindest für Westeuropa rechne ich mit dem ersten Rückgang des Stromverbrauchs seit dem zweiten Weltkrieg“, sagte Florian Haslauer, stellvertretender Leiter der Energieabteilung bei der Beratungsgesellschaft A.T. Kearney, am Dienstag in Berlin. Verantwortlich dafür sei vor allem der geringere Bedarf der Industrie. Die privaten Haushalte dürften ihren Stromverbrauch dagegen kaum senken, glaubt er. „Waschmaschinen und Fernseher werden auch in der Krise laufen“, sagte Haslauer.

Der Berater ist Autor einer Studie über die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Energiewirtschaft in Europa, die seinen Angaben zufolge von A.T. Kearney selbst finanziert wurde – und nicht von einem Unternehmen oder einer Branche der Stromindustrie. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), der 1800 Versorger vertritt, erwartet, dass die Industrie im laufenden Jahr 0,5 Prozent weniger Strom benötigt.

Ökostrombranche wird kaum profitieren

Doch was kommt nach der Krise? Haslauer geht davon aus, dass der Stromverbrauch im Jahr 2020 um 28 Prozent höher liegt als heute, weil die Industrie ihren Bedarf bei konjunktureller Erholung schnell wieder ausbauen werde. Zudem gewinne der Strom mehr Bedeutung für die Wärmeerzeugung (Wärmepumpen) und die Mobilität (Elektroautos).

Von dem langfristigen Anstieg werde die Ökostrombranche am wenigsten profitieren. „Die Rahmenbedingungen für den Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung sind derzeit eher unattraktiv“, sagte Haslauer. Die Investoren in die Erneuerbaren seien im Gegensatz zu den traditionellen Energieunternehmen viel stärker auf Fremdkapital angewiesen. Vor allem große Projekte seien derzeit kaum finanzierbar. Der Bundesverband Windenergie teilt diese Erwartung, allerdings nur in Bezug auf die geplanten Offshore-Windparks im Meer.

Bei der Frage, wie groß der Anteil der Erneuerbaren im Jahr 2020 sein wird, gehen die Einschätzungen allerdings sehr weit auseinander. 2008 lag er bei rund 15 Prozent. Das Bundesumweltministerium strebt einen Anteil von 30 Prozent an. Der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) rechnete vergangene Woche vor, dass 2020 sogar fast die Hälfte des Stroms (47 Prozent) aus regenerativen Quellen wie Sonne und Wind produziert werden könnte.

„Ich glaube, dass selbst der von der Bundesregierung angestrebte Anteil von 30 Prozent wegen der Krise nicht zu erreichen ist“, sagte Berater Haslauer. Bis 2020 werden die vier deutschen Energiekonzerne Eon, RWE, EnBW und Vattenfall gestärkt aus der Krise hervorgegangen sein und die wichtigsten Projekte der Erneuerbaren selbst realisieren.

Dass die erneuerbaren Energien in elf Jahren 30 Prozent des Stroms in Deutschland produzierten, hält man beim BDEW für „ambitioniert, aber machbar“. „Voraussetzung dafür ist aber, dass in Stromnetze und Kraftwerke, gleich welcher Art, investiert werden kann und diese modernisiert und neu gebaut werden können. Die Genehmigungsverfahren dauern derzeit einfach zu lange“, sagt Hildegard Müller, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung am Dienstag auf Anfrage.

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