Wirtschaft : Ökoszene hat das Birkenstock-Image abgestreift

ROLF OBERTREIS

Innovative Bio-Unternehmer bei Frankfurter Fachmesse / Aber immer noch Marketingprobleme / 1270 Aussteller aus 53 LändernVON ROLF OBERTREIS FRANKFURT (MAIN).Die Gummistiefel sind knallgelb, leuchtendblau und feuerrot.Peppig und schick - und trotzdem "öko".Hergestellt hat sie Grand Step, eine Firma aus dem hessischen Kronberg, zu 60 Prozent aus Naturlatex und zu 40 Prozent aus Naturgummi.Ein paar Meter weiter in Halle 3 des Frankfurter Messegeländes stehen schicke Bio-Buchen-Möbel der Firma Trend aus Süddeutschland.Und in Halle vier gibt es gutes ökologisches "Futter": Tiefkühl-Bratkartoffeln, Schoko-Hanf-Aufstrich oder Dinkelbier.Die Biofach, mit rund 1250 Ausstellern nach eigenen Angaben die "Weltfachmesse" für Naturkost und Naturwaren, dokumentiert, daß die Umweltszene längst die spröde, langweilige Sphäre der Birkenstock-Sandalen verlassen hat.Die Hersteller haben erkannt, daß sie nur mit Ideen und Innovationen bestehen und nicht nur Umsätze sondern auch die notwendigen Gewinne erwirtschaften können.Drei Tage lang - bis einschließlich Sonntag, 1.März - zeigen die Bio-Firmen in Frankfurt ihre Produkte - und hoffen auf 25 000 Besucher und rege Geschäfte.Längst hat sich auch das äußere Bild auf der Biofach, die 1998 zum neunten Mal stattfindet, stark verändert.Statt selbstgestricktem Pulli sind mehr und mehr Krawatte und Sakko angesagt.Fast ständig klingelt irgendwo in den Messehallen ein Handy."Natürlich ist alles professioneller geworden", sagt Leo Pröstler, Geschäftsführer des Freiburger Öko-Versandhauses Waschbär."Und ausländische Firmen erkennen die Chancen für Exporte nach Deutschland." Schließlich gilt der hiesige Öko-Markt als besonders attraktiv.Die Branche hat sich gemacht.Im Gegensatz zum normalen Lebensmitteleinzelhandel gibt es Jahr für Jahr deutliche Wachstumsraten.1997 erzielten die 1700 Naturkost-Läden einen Umsatz von 1,2 Mrd.DM, neun Prozent mehr als im Vorjahr.In Supermärkten dürften noch einmal Ökowaren für rund eine Mrd.DM über den Tisch gegangen sein.Immer mehr Verbraucher setzen auf Bio, akzeptieren, daß solche Produkte in der Regel teurer sind.Etwa 1,5 Prozent des gesamten Umsatzes mit Lebensmittel entfallen auf Bio-Produkte.Im Jahr 2005 sollen es zehn Prozent sein, hofft der Bundesverband Naturkost Naturwaren.Auf der Biofach ist deutlich erkennbar, daß die Bio-Hersteller dieses Ziel vor Augen haben.Innovationen, aber auch neue Ideen in der Produktgestaltung und - verpackung, zeigen, daß die Zeichen der Zeit erkannt sind.So können die Besucher Lupinenkaffee genießen, Honey-Saps Cola trinken oder ein Hanf-Eis schlürfen.Kein Wunder, daß Stammeinkäufer wie Leo Pröstler angetan sind.Verwundern muß dabei nach Angaben der Messe-Veranstalter nicht, daß in diesem Jahr elf Prozent weniger deutsche Aussteller den Weg zur Biofach gefunden haben.Im Gegenteil: Dies sei Zeichen dafür, daß die Firmen mit Aufträgen vollgepackt seien.Da bleibe keine Zeit für einen Messebesuch.Ganz so blendend ist die Lage aber wohl doch nicht.Waschbär-Chef Pröstler jedenfalls sieht noch etliche Mängel im Marketing und Vertrieb."Den Firmen fehlen echte Verkäufer", sagt der Freiburger.Die Messeleitung hat dieses Manko erkannt.Nicht umsonst offeriert sie Messe-Seminare über "Neue Vermarktungswege", über Marketing und Existenzgründungen.Immer mehr Interessenten, heißt es in Frankfurt, wollten ein Fachgeschäft für Öko-Konsumgüter eröffnen.Gerade der Öko-Markt bietet angesichts der Arbeitslosigkeit Perspektiven.Daß die Biofach längst keine Nischenmesse ist, dokumentierte am Donnerstag auch der Eröffnungsredner.Mit Carl-Dieter Spranger hatte immerhin der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) den Weg nach Frankfurt gefunden.Er bekundete seinen Respekt vor den Erfolgen der Branche."Die erfreuliche Entwicklung des Biohandels war noch vor wenigen Jahren unvorstellbar." Spranger und die fast 650 Aussteller aus dem Ausland machen aber deutlich, daß auch die Bio-Branche längst in den Sog der Globalisierung gezogen wird und daraus Nutzen ziehen kann.Vor allem die Produzenten in den Entwicklungsländern."Bioprodukte sind Nischenprodukte, die den Zugang zum Weltmarkt ermöglichen", sagt Spranger.Und gerade sie können zu einer umweltschonenden, nachhaltigen Entwicklung in den ärmeren Ländern beitragen.Über die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) unterstützt Sprangers Ministerium deshalb die Präsenz von 130 Ausstellern auf der Biofach, unter anderem aus Argentinien, El Salvador, Madagaskar, Nicaragua und Tansania.Wem die Biofach in dieser Hinsicht immer noch nicht genug bietet, kann sich jetzt auch im "Green-Trade-Net" des GTZ-Ablegers Protrade informieren: In dieser Datenbank sind Informationen über 333 Bioprodukte aus 26 Ländern abrufbar.

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