Wirtschaft : Öl: Am Tropf des Nahen Ostens

Antje Sirleschtov

Das Treffen der Delegationen des größten Kartells der Welt, der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec), in der vergangenen Woche ließ den Tagungsort Wien im Licht des Friedens und der Verantwortung scheinen. Obwohl die Welt in Terror-Erinnerungen und Rezessionsängsten schwebt und obwohl der Heimat der wichtigsten Opec-Mitglieder, dem Nahen Osten, eine lange militärische Auseinandersetzung mit Amerika droht, analysierten die Ölminister ruhig die weltwirtschaftlichen Prognosen und kamen - ohne jeden Widerspruch - zu der Erkenntnis, dass die Welt-Ökonomie jetzt zu ihrer Gesundung Öl braucht - viel und preiswert. Auch der rapide Preisverfall des Öls in den vergangenen Tagen auf rund 20 Dollar pro Barrel hielt die Opec-Generalsekretär Ali Rodriguez nicht davon ab, am Donnerstag weitsehend bekannt zu geben, dass man die Fördermenge beibehalten will.

Ist das das Ende der Ölkrisen? Müssen sich Autofahrer, Unternehmer und Ölheizungs-Besitzer auf der ganzen Welt nun keine Sorgen mehr machen, dass politische Krisen oder das Gewinnstreben der Ölbarone an ihren Geldbörsen nagt? Könnte man sich unter diesen Bedingungen in Zukunft sogar noch etwas mehr Zeit lassen mit der Erforschung von Ölreserven außerhalb der Opec oder gar der Entwicklung von alternativen Energiequellen?

Es scheint, dass sich der Sinn der Mitglieder des Opec-Kartells in den vergangenen Jahren gewandelt hat. In dem Maße, indem Regierungen und Unternehmen der Förderländer durch die zunehmende Vernetzung der internationalen Kapital- und Vermögensstrukturen nicht nur ein Interesse am Profit der Quellen sondern auch am Wohlergehen der Kunden (an denen sie nun beteiligt sind) haben, wächst auch ihr Verantwortungsgefühl. "Öl ist keine Waffe", war eine der ersten - beruhigenden - Nachrichten, die die Opec nach dem 11. September ausgesendet hat.

Doch Vorsicht. Nicht Großmut und Weitsicht der Opec-Minister bescheren der kriselnden Weltwirtschaft gerade preiswertes Öl. Vielmehr sind es Randerscheinungen, wie die Internationale Energieagentur feststellt. Zum einen fördern die Opec-Länder seit Monaten mehr Öl, als sie sich selbst zur Preisstabilisierung auferlegt haben. Auch treffen gerade ungewöhnlich viele Wartungsarbeiten an den größten Raffinerien der Kunden zeitlich aufeinander und lassen die Nachfrage sinken. Und nicht zuletzt spüren Experten - wie am Kapitalmarkt - derzeit auch im Ölgeschäft auffälligen Insiderspekulationen nach. Ihr Verdacht: Weil in den Wochen vor dem 11. September auffallend viele Optionsgeschäfte in der Hoffnung auf steigende Preise abgewickelt wurden, könnten Mitwisser des Terrors auch hier Finanzierungsquellen gesucht haben. Nun werden die Optionen wieder verkauft und steigern das Angebot. "Öl ist immer noch ein sensibles Gut", sagt Manfred Horn, Energieexperte beim Berliner Institut der deutschen Wirtschaft DIW. Seine Prognose: die Preise werden schnell wieder steigen, vor allem, wenn es Militärschläge im Nahen Osten gibt. Ölkrisen wie in den siebziger und achtziger Jahren, als enorme Preissteigerungen auf die Konjunktur drückten, warnt Horn, werde es auch in Zukunft geben.

Nach wie vor ist das schwarze, stinkende, klebrige Öl Energieträger Nummer Eins. Ungeachtet der enormen technologischen Sprünge bei Maschinen und Anlagen in Industrie und Haushalten stieg der Ölverbrauch in den vergangenen Jahren kontinuierlich an. 3500 Millionen Tonnen wurden im Jahr 2000 verfahren, verheizt, verflogen oder zu Produkten umgewandelt. Zwar trugen Energiesparmaßnahmen dazu bei, dass der europäische Verbrauch - trotz Konjunkturaufschwung - um 0,2 Prozent zurückging. Doch die wirtschaftliche Entwicklung vor allem in Asien kompensierte dies wieder. Allein China fragte fünf Prozent mehr Öl nach als 1999.

Eine Veränderung des Trends ist nicht in Sicht. Vor allem die Wachstumsmärkte in Asien und Südamerika, schätzten Forscher der Energy Information Administration (EIA), treiben den Stromverbrauch global in den nächsten 20 Jahren um 68 Prozent nach oben. Ähnlich sieht es auch in Deutschland aus - einem Land, das sich besonders intensiv mit der Entwicklung von Energie-Alternativen befasst. Zwar prognostiziert eine Untersuchung von Esso, dass die Deutschen in 20 Jahren rund 12 Prozent weniger Öl als heute verbrauchen werden. Doch zu einer signifikanten Reduzierung des Ölanteils am gesamten Energiemix wird es, so die "Esso-Energieprognose", nicht kommen. Auch DIW-Wissenschaftler Horn sieht keinen Hinweis auf Veränderung. "Frühestens 2030 wird die Ölförderung auf ihrem Höhepunkt angekommen sein", meint er. Erst dann dürfe man ganz langsam mit Zeiten rechnen, in denen die Ölförderung und der Transport im Vergleich zu modernen Ressourcen teurer werden. Und wann der Break-Even erreicht sein wird, ahnt heute noch niemand.

Beim Blick nach vorn bestimmt denn auch das Kosten-Nutzen-Verhältnis die Suche nach Alternativen. Brennstoffzellen, Solaranlagen, Erdwärme oder Wasser- und Windkraft gehören wohl in den entwickelten Industrieländern längst zum Standardprogramm der Energiegewinnung. Doch die Aussichten auf die Wirtschaftlichkeit solcher Energiequellen sind mehr als mager und der Anteil am Energiemix der Zukunft daher eher bescheiden.

Der Fokus der Öffentlichkeit richtet sich deshalb auf das Erdgas - dem Primärenergieträger Nummer Zwei. Die bekannten Gasvorräte belaufen sich derzeit auf rund 150 Billionen Kubikmeter. Gut 200 Jahre könne die Menscheit damit noch ihren Gasbedarf decken, den technischen Fortschritt bei der Gewinnung noch gar nicht eingerechnet.

Ob das Gas allerdings ein weniger krisenanfälliger Stoff als Öl ist, muss bezweifelt werden. Denn genau wie beim Öl wird auch beim Gas der Importanteil der entwickelten Industrienationen in Zukunft weiter steigen. Allein in den USA - derzeit nach Saudi-Arabien der zweitgrößte Ölförderer der Welt - stieg die Importquote seit den siebziger Jahren von 37 auf 56 Prozent. Und weil die Amerikaner nicht auf der Liste der zehn ölreichsten Länder stehen, werden sie in einigen Jahren noch stärker von den Förderländern im Nahen Osten abhängig sein. Beachtliche Gasvorräte gibt es demgegenüber fast überall auf der Welt, selbst in Deutschland. Betrachtet man die noch nicht erschlossenen Vorräte allerdings, dann ergibt sich eine frappierende Ähnlichkeit zum Öl: Die zehn gasreichsten Länder der Erde (rund 80 Prozent des globalen Vorrats) liegen zum größten Teil im Nahen Osten - und sind Mitglieder der Opec.

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