Wirtschaft : Öl: Die Schlacht am Kaspischen Meer

Elke Windisch

Die Kaspi-See ist nicht nur das mit Abstand größte Binnengewässer der Erde, in ihrem Schelf lagern mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die weltweit größten Vorkommen an Öl und Gas. Seit dem Ende der Sowjetunion, die zusammen mit Iran die Kaspi-See bis 1991 allein kontrollierte, tobt daher ein erbitterter Kampf um die Teilung der Ressourcen und die Kontrolle über deren Transportwege.

Allein drei Pipeline-Projekte konkurrieren gegenwärtig miteinander. Am billigsten wären Erweiterung und Modernisierung einer bereits bestehenden Leitung vom aserbaidschanischen Baku zum russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk. Rechnen würde sich auch das Angebot Irans für eine Pipeline von Baku zu den Seehäfen am Persischen Golf. Zumal Teheran Swaps angeboten hat: Kaspi-Öl wird in nordiranischen Raffinerien wie Täbriz für den Binnenmarkt aufbereitet und aus Vorkommen am Golf mit identischer Qualität wird die gleiche Menge exportiert. Experten erwarten, dass in zehn bis 15 Jahren das für Iran nahe Asien größter Ölkonsument wird. Genau dann dürfte auch die Kaspi-Förderung ihren Höhepunkt erreichen.

Dennoch einigten sich westliche Investoren und die Mehrheit der Anrainer auf dem OSZE-Gipfel im November 1999 in Istanbul auf das teuerste Projekt - eine Leitung von Baku zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan. Mindestens 2,4 Milliarden Dollar wird die 1730 Kilometer lange Rohrleitung laut Kostenvoranschlag kosten. Weitere 200 Millionen fallen jährlich für die Wartung an. Politiker, allen voran der damalige amerikanische Präsident Bil Clinton, sprachen offen von einer politischen Entscheidung: Der "Schurkenstaat" Iran sollte weiter isoliert und Russlands Einfluss in Transkaukasus und Zentralasien geschwächt werden. Offizieller Vorwand war die Nähe der Pipeline zu Tschetschenien.

Bisher wurde von dem Jahrhundertprojekt jedoch nur eine kleine Pipeline zum georgischen Schwarzmeerhafen Supsa modernisiert, über die seit Februar 1999 das so genannte early oil in westliche Tanker fließt. Zur Hauptpipeline dagegen - Baubeginn sollte ursprünglich schon 1998 sein - vertagten sich die Fördergesellschaften im Januar um weitere 18 Monate für Machbarkeits- und Rentabilitätsstudien.

US-amerikanische Ölmultis hatten sich dem Diktat Clintons nur widerwillig gebeugt. Bush versprach, dass nun Wirtschaftlichkeit das Primat haben soll. Und da hat die Superpipeline zunehmend schlechte Karten. Ende der Achtziger schätzen Experten die Gesamtvorkommen der Kaspi-See auf mindestens 80 Milliarden Barrel, höchstens 200 Milliarden Barrel. Das Projekt fußt auf Schätzungen ebenfalls aus den Achtzigern und geht von einer Fördermenge von mindestens eine Million Barrel pro Tag aus. Nach neuesten Erkenntnissen aber wird das 1993 von Aserbaidschan und neun westlichen Ölkonernen gegründete Internationale Konsortium selbst zu Spitzenzeiten höchstens 800 000 Barrel ins Rohr pumpen können.

Spekulationen, die kasachischen Ölfelder könnte die Verluste ausgleichen, sind verfrüht. Definitiv wird erst Ende 2002 Klarheit über die wahrscheinlich ebenfalls zu hoch bewerteten Vorkommen der Felder von Tengiz und Karacaganak herrschen. Der Bau einer Leitung von dort nach Baku aber schlägt, weil sie fast das gesamte Gewässer von Nordost nach Südwest unterquert, zudem mit weiteren 2,4 Milliarden Dollar zu Buche. Das Tengiz-Öl ist zudem aufgrund seines höheren Schwefelanteils weniger marktgängig und schädigt außerdem die Röhren.

Zusätzlich verunsichert die Investoren, dass Kaspi-Anrainer - seit dem Ende der Union sind es fünf - sich nicht über die verbindliche Teilung des Gewässers einigen können: Ruissland, Kasachstan und Aserbaidschan bestehen auf Teilung entlang einer gedachten Mittellinie, die im gleichen Abstand zu den Küsten verläuft und bekämen nach diesem Schema jeweils 19, 29 und 21 Prozent, Iran dagegen nur 14 und Turkmenien 17 Prozent. Beide Staaten pochen daher auf Teilung in Sektoren von je 20 Prozent.

Ende Juli drohte der Konflikt zum Krieg zu eskalieren: Iran griff Bohrschiffe Aserbaidschans an zwei Lagerstätten an, auf die nach dem Mittellinienprinzip Baku, nach dem Sektorenprinzip Teheran Anspruch hätte. Aserbaidschan weiß dabei die stammesverwandten Türken und die USA hinter sich, Teheran dagegen Turkmenien, dessen Gas-Pipelines über Iran gehen. Dazu kommt, dass zwei weitere strittige Lagerstätten - Tschirak und das Kiyapas-Feld - bei der Sektoren-Teilung ganz an Turkmenien gehen, bei der Mittellinien-Option aber zur Hälfte an Aserbaidschan.

Russland möchte es aus geostrategischen Erwägungen mit keinem der drei Kampfhähne verderben. Dennoch: Auch Russland hat, seit an der Kaspi das Gespenst des Krieges umgeht, sein Militärpotenzial verdoppelt und dazu sogar Kampfboote und Amphibienflugzeuge von seinen Westgrenzen abgezogen.

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