Öl : Gefahr aus der Tiefe

Es ist der Preis des Wohlstands: Der Rohstoff wird knapp – das macht immer riskantere Methoden profitabel.

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Jetzt ist der Pelikan dran. 41 ölverschmierte Tiere zählten Umweltschützer allein am vergangenen Freitag vor der Küste Louisianas auf der kleinen Insel Queen Bess, der wichtigsten Brutstätte in der Region. Ausgerechnet der Pelikan, das Wappentier des Bundesstaates. Die Vögel wurden gereinigt, doch ihre Überlebenschance liegt nur bei 50 bis 70 Prozent, fürchten die Aktivisten.

Der Pelikan dürfte nicht das letzte Opfer der Ölpest sein, die vor nun schon sieben Wochen im Golf von Mexiko ihren Anfang nahm. Auf Jahre werden die Ölklumpen für Schäden sorgen, die im Moment noch niemand beziffern kann – in der Fischerei, im Tourismus, im Ökosystem. Doch mit derlei Dramen wird die industrialisierte Welt in Zukunft wohl oder übel leben müssen. Das Öl, auf das die moderne Wirtschaft längst nicht mehr verzichten kann, ist immer schwerer zu bekommen. Weil die bisherigen Quellen allmählich zur Neige gehen, oder weil die Politik im Spiel ist. Die Tiefsee, die Arktis, aber auch die kanadische Steppe, deren Sand Öl enthält, sind das neue Eldorado für die Förderbranche.

Die Quellen in Saudi-Arabien und der Region am Persischen Golf, in der Nordsee oder vor Mexiko haben die besten Zeiten hinter sich. Die Ausbeute sinkt Jahr für Jahr, auch wenn die riesigen Vorkommen längst nicht erschöpft sind. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) geht die Förderung der 500 größten Ölfelder um jährlich neun Prozent zurück. Der „Peak Oil“ naht, der Zenit der weltweiten Ölförderung also. Von da an geht es mit der Menge bergab – und mit dem Preis nach oben. Vielleicht ist es erst 2020 so weit, wie die IEA vermutet, vielleicht liegt der „Peak Oil“ aber auch längst hinter uns. Ein düsteres Szenario – Öl bestimmt noch immer das Weltgeschehen, es löst Konjunkturkrisen aus und Kriege.

Das will die Branche um jeden Preis vermeiden. Die Energiekonzerne suchen nach Lösungen, um das Ölzeitalter so weit wie möglich zu verlängern. „Dafür nehmen sie hohe Risiken in Kauf“, sagt Leon Leschus, Rohstoffexperte beim Hamburgischen Welt-Wirtschafts- Institut. „Zumal alternative Energien noch nicht in dem Maße verfügbar sind wie nötig.“ Und der Energiehunger vor allem in den aufstrebenden Nationen Indien und China nimmt rapide zu.

Hinzu kommt die Abhängigkeit des Westens von Förderländern in Asien und Arabien. Nur dort gibt es Vorkommen, die mit wenig Aufwand zu erschließen sind. Doch von diesen Staaten möchte der Westen ungern abhängig sein – er bohrt lieber im tiefen Meer nach Öl. 30 Prozent des Gesamtverbrauchs werden bereits auf hoher See gefördert, schätzt Energieexperte Christian Bussau von Greenpeace. „Noch kommen weniger als fünf Prozent aus der Tiefsee – aber mit deutlich steigender Tendenz.“ Nicht nur im Golf von Mexiko, überall auf der Welt: Längst suchen die Konzerne in den tiefen Regionen des Nordatlantik. Vor Ghana, Sierra Leone und Brasilien wurden im vergangenen Jahr immense Vorkommen entdeckt.

Allein: Das schwarze Gold ans Tageslicht zu holen ist extrem aufwendig und teuer. Große schwimmende Plattformen sind nötig, so wie die am 20. April explodierte Bohrinsel Deepwater Horizon. Die Bohrer müssen kilometertief bis zum Meeresgrund vordringen, derzeit liegt die Marke bei 4000 Metern. Bevor sie auf Öl stoßen, müssen sie sich durch kilometertiefe Schichten von Salz und Gestein fräsen. Man arbeite „an den Grenzen von Technologie und Geologie“, räumte BP-Chef Tony Hayward kürzlich ein. Doch der Vorstoß in die Tiefe lohnt sich. Auch wenn die hohen Kosten infolge stärkerer Sicherungsmaßnahmen künftig weiter steigen sollten, werde die Förderung profitabel bleiben, ist BP überzeugt.

Die nächste Herausforderung hat die Ölbranche bereits im Blick: die Arktis. Noch streiten sich die Staaten zwar um die Gebiete, die sie ausbeuten wollen. Die möglichen Risiken schrecken nicht ab, auch wenn die USA ihre Förderpläne vorerst auf Eis gelegt haben. „Wir werden um die Erschließung dieser Gebiete nicht herumkommen“, sagt Rainer Wiek, Chefredakteur des Energie-Informationsdienstes EID. Eine Abkehr von den Bohrungen in der Tiefsee und in der Arktis hält er für keine Option. „Angenommen, man würde weltweit einen Verzicht auf derartige Förderungen vereinbaren, würde allein das Signal einen Preissprung auslösen. Das Interesse daran ist gering“, sagt Wiek.

Eine Alternative gibt es zwar – doch die ist für die Umwelt ähnlich fatal. Rund zwei Billionen Barrel lagern in Sand und Gestein gebunden, das ist die doppelte Menge, die die Menschheit in den vergangenen 150 Jahren verbraucht hat. Die größte dieser unkonventionellen Quellen ist Ölsand. Drei Viertel der weltweiten Vorräte lagern in Kanadas Provinz Alberta, nur Saudi-Arabien verfügt über noch größere Reserven. Bei der Förderung bleiben aber Giftseen und Mondlandschaften zurück, und der Einsatz von Energie und Wasser ist immens. Bei mindestens 80 Dollar muss der Barrelpreis liegen, damit sich das Geschäft rentiert – die mit Abstand teuerste Art der Ölgewinnung. Umweltschützer sehen daher nur einen Ausweg – die Abkehr vom Öl.

„Der Ausstieg muss jetzt kommen. Keine Förderung ist risikolos oder umweltschonend“, sagt Greenpeace-Mann Bussau. Die immer höheren Investitionen in neue Bohrtechnik und Plattformen zementierten die Abhängigkeit von dem Rohstoff nur. „Würden die Konzerne annähernd so viel Geld in den Ausbau erneuerbarer Energien stecken, hätte es zu einer Katastrophe wie im Golf von Mexiko nie kommen müssen.“

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