Öl-Gewinnung : Aus Dreck Geld machen

Weil Erdöl so teuer geworden ist, wird der wichtige Rohstoff jetzt auch aus Rückständen in Sand gewonnen. In Kanada entwickelt sich eine neue Industrie.

Bernd Hops

Fort McMurrayDer Bagger schlägt seine Schaufel in den Hang. In Sekunden ist die Ladung aufgenommen. Ein Schwenk, und 100 Tonnen Sand und Geröll fallen auf einen Laster. Der lädt noch drei weitere Schaufelladungen und fährt mit 400 Tonnen Dreck durch eine Mondlandschaft davon. Im Hintergrund warten bereits die nächsten Riesen-Lkws, um Ladung aufzunehmen. Aus der Luft sieht es aus wie ein Ballett, ein Computer dirigiert die Laster durch die kilometerweite Grube zu einer Hand voll Bagger. 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Egal ob zu Weihnachten oder Ostern, bei Temperaturen von 20 Grad minus oder bei aufgeweichten Böden im Frühjahr, in der Wildnis Kanadas werden jede Minute Hunderte von Tonnen Sand bewegt. Denn dieser Dreck macht das Land und seine Provinz Alberta reich. In ihm steckt Erdöl.

Seit Jahrhunderten wird das Öl in den Sanden genutzt. Die Indianer dichteten zum Beispiel ihre Kanus damit ab. Seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts interessieren sich die Ölmultis für die Vorkommen. Doch der Abbau ist aufwendig. Direkt an der Erdoberfläche hat das Öl seine leichten Bestandteile verloren, sie sind mit der Zeit verdunstet. Zurückgeblieben ist im Sand gebundenes, zähes Bitumen. Daraus muss wieder künstlich Rohöl hergestellt werden, damit es in einer Raffinerie zu Benzin, Heizöl oder Kerosin werden kann.

In der Vergangenheit war das unwirtschaftlich. Die Aufbereitung kostet nach Schätzung von Branchenexperten zwischen 30 und 40 Dollar pro Barrel (159 Liter) und ein Zehntel der in dem Öl enthaltenen Energie, während in der arabischen Wüste das Öl oft für deutlich weniger als zehn Dollar aus der Erde gepumpt wird. Offiziell bestätigt die Kostenrechnung keine Firma. „Ich habe das auch gehört“, sagt Brian Straub, ein führender Shell-Manager im Ölsandgeschäft, bei einer Präsentation für Journalisten nur. Niemand will sich bei dem großen Energiepoker von der Konkurrenz in die Karten schauen lassen. Sicher ist nur: Aus einer Lkw-Ladung von 400 Tonnen werden etwa 200 Barrel Öl gewonnen.

Bei einem Ölpreis von 90 Dollar und Angst vor Ölknappheit lohnt sich der Abbau der Ölsande jedenfalls. Und das hat Kanada – nimmt man die zu heutigen Preisen wirtschaftlich abbaubaren Vorkommen als Maßstab – auf Platz zwei der ölreichsten Länder der Welt katapultiert. 174 Milliarden Barrel warten auf ihre Förderung. Damit könnte die Welt bei heutigem Verbrauch sechs Jahre versorgt werden. Nur Saudi-Arabien hat mehr Reserven (264 Milliarden Barrel), Iran auf Platz drei der Weltrangliste kommt auf 130 Milliarden. „Zurzeit übersteigt das Wachstum bei der weltweiten Nachfrage nach Öl substanziell die Zunahme der Förderung“, sagt Shell-Manager Straub. „Die Rolle der konventionellen Ölproduktion wird kleiner, wir müssen jetzt stärker in unkonventionelle Vorkommen wie Ölsande gehen.“ Was er nicht sagt: Gerade die großen Konzerne stehen unter Druck, neue Quellen zu finden, weil ihre bisherigen Quellen zur Neige gehen und sie so gut wie keinen Zugriff auf staatlich kontrollierte Vorkommen wie in Saudi- Arabien oder Venezuela haben.

Die Treibstoffe aus dem kanadischen Öl sollen vor allem den eigenen Markt und den größten Ölverbraucher der Welt, den Nachbarn USA, versorgen. Nur sechs Tage dauert es laut Straub im Schnitt, bis aus dem Ölsand in der Baggerschaufel Benzin an einer Tankstelle geworden ist. Zunächst wird die Ladung der Laster in ein großes Mahlwerk gekippt und von größeren Felsstücken befreit. In mehreren Stufen werden Bitumen und Sand mithilfe von Wasserdampf getrennt. Doch noch ist das schwere Öl nicht transportfähig. In der Pipeline, die zur 500 Kilometer entfernten Veredelungsanlage und Raffinerie in Edmonton führt, würde das Bitumen einfach kleben bleiben. Es muss deshalb mit einem Lösungsmittel verdünnt und so verflüssigt werden. In Edmonton angekommen, wird das Lösungsmittel wieder zurückgewonnen und zurück nach Fort McMurray gepumpt – einem Kaff am Fluss Athabasca, das in wenigen Jahren zur Hauptstadt der Ölsandindustrie geworden ist. In Edmonton wird das Bitumen „gecrackt“, das heißt, die chemische Struktur wird aufgelockert. Das geschieht, indem Wasserstoffteilchen in einem kilometerlangen Labyrinth aus Stahlröhren und Zwischenstufen in das kohlenstoffreiche Bitumen eingefügt werden, bei hohen Temperaturen und hohem Druck. Durch diese Veredelung entsteht synthetisches Erdöl, das in einer Raffinerie weiterverarbeitet wird.

Große Ölkonzerne und kleinere Spezialfirmen wie Suncor und Syncrude investieren mittlerweile trotz des großen Aufwands Milliarden in den Abbau der Sande. Allein einer der riesigen Bergbaulaster kostet sechs Millionen Dollar (mehr als vier Millionen Euro), jeder neue Satz Reifen für das Fahrzeug eine halbe Million Dollar. In der Region rund um Fort McMurray leben Tausende Arbeiter in mobilen Camps mit der einzigen Aufgabe, neue Vorkommen zu erschließen, damit auch hier die Bagger und Laster mit ihrer Arbeit beginnen können. Gleichzeitig baut Shell seinen Standort in Edmonton aus, hat weitere Flächen für Veredelungsanlagen ausgewiesen und will die Pipeline nach Fort McMurray stark vergrößern. Und was passiert mit den aufgebaggerten Mondlandschaften? Shell verweist stolz darauf, dass die Industrie bereits die ersten Flächen mit Wäldern rekultiviert hat, auch große künstliche Seen sollen entstehen, ganz ähnlich wie in ehemaligen Braunkohlegruben in Deutschland. Selbst beim Thema Energieverbrauch wollen die Konzerne ihren Kritikern aus den Reihen der Umweltschützer die Argumente rauben und versprechen, dass der durch die Produktion von Rohöl aus den Sanden verursachte Ausstoß des Klimagases Kohlendioxid (CO2) nicht die Menge übersteigen soll, die beim Import der entsprechenden Ölmengen aus anderen Teilen der Erde entstehen würde. Dafür will Shell bis 2015 pro Jahr eine Million Tonnen CO2 pro Jahr in seiner Veredelungsanlage auffangen, verflüssigen und klimaneutral unterirdisch lagern.

Doch bei aller Euphorie hat die kanadische Ölindustrie gerade ihre Förderprognose gesenkt. Zurzeit produziert das Land gut anderthalb Millionen Barrel pro Tag, etwa so viel wie der Irak. Bei all den Projekten, die angekündigt sind, sollten es im Jahr 2020 ursprünglich 4,1 Millionen Barrel werden, jetzt geht die Branche nur noch von 3,8 Millionen Barrel aus.

Denn für die Expansion braucht man qualifizierte Arbeitskräfte. Die sind knapp und außerdem schwer in die Wildnis in Nordalberta zu locken, in der es nur weite Ebenen und Wälder gibt. Die Löhne sind dementsprechend hoch. Ein erfahrener Lkw-Fahrer oder Baggerführer kann schon mal 150 000 Dollar im Jahr verdienen, heißt es in der Branche. Aus Venezuela werden Experten abgeworben, die unzufrieden mit der dortigen staatlichen Politik sind. Aus Deutschland kommt so mancher Bergbaufachmann, der in den vergangenen Jahren arbeitslos geworden ist. Und trotzdem herrscht Mangel. „Schon heute fehlen in der Region um Fort McMurray etwa 20 000 Arbeitskräfte“, berichtet Shell- Manager Straub.

Und noch etwas bremst den Elan der Konzerne: Ab 2009 will der kanadische Staat deutlich mehr von den Gewinnen der Ölfirmen aus dem Abbau der Sande haben als bisher. Wie viel genau, darüber wird noch verhandelt.

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