Ölpreis : Die Rutschpartie

Öl und Benzin waren 2008 so teuer wie nie. Jetzt aber erreichen die Preise einen Tiefstand.

Kevin P. Hoffmann
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Berlin - Ariane war eines der letzten Opfer dieses wilden Energiejahres. Die europäische Trägerrakete konnte vor zwei Wochen erst mit zehn Tagen Verspätung vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana abheben. Lkw-Fahrer hatten in dem südamerikanischen Departement Zufahrtsstraßen blockiert. Sie demonstrierten gegen die Benzinpreise, verlangten eine Senkung um 50 Cent. Ein Liter Diesel kostete da 1,55 Euro. Der Präsident der Provinz dankte den Demonstranten in einer Radioansprache: Auch er halte die Preise für zu hoch, die Politik der Ölkonzerne für undurchsichtig. Erst als die Zentralregierung in Paris eine Senkung der Treibstoffsteuern in Aussicht stellte, konnte Ariane starten.

In Deutschland hatten die Preise für Super und Diesel im Sommer an der Marke von 1,60 Euro je Liter gekratzt. Auch hier stellten sich ein paar Lkw-Fahrer auf Landstraßen quer, in anderen EU-Ländern blockierten Fischer die Häfen. Doch bevor sich Europas Regierungen aufraffen konnten, die Verbraucher zu entlasten, erledigte das die Krise. Infolgedessen wurde Tanken in Deutschland zum Glückspiel. Allein der Marktführer Aral senkte die Preise in diesem Jahr rund 140-mal. Und fast 160-mal hob er sie an.

Zwischen dem Rekordpreis im Sommer und dem aktuellen Stand liegen fast 60 Cent pro Liter, was 25 bis 30 Euro pro Tankfüllung entspricht. In dieser letzten Jahreswoche kostet ein Liter Diesel im bundesweiten Schnitt glatte 1 Euro, Superbenzin 1,06 Euro. Das teilte der Energieinformationsdienst EID am Montag mit. In Berlin war Super im Vergleich zu den 20 größten Städten am billigsten und lag 1,7 Prozent unterm Schnitt.

Am liebsten verweisen die Mineralölunternehmen darauf, dass vor allem der Finanzminister am Benzinpreis verdient. Tatsächlich zieht der Staat über die Mineralöl- und Mehrwertsteuer derzeit knapp 85 Cent pro Liter Super ein. Was die Unternehmen aber gern verschweigen: Auch sie erhöhten ihren Deckungsbeitrag – also das, was sie für Transport, Lagerhaltung, Verwaltung und Vertrieb erheben – in den letzten Monaten deutlich.

Dazu kommt, dass die Konzerne, die den Grundstoff Rohöl selbst fördern und nicht einkaufen mussten, im Sommer viele Milliarden eingenommen haben. „Die Raffinerien hatten ein gutes Jahr. Am besten war es aber am Bohrloch, dort ist 2008 sehr viel Geld verdient worden“, bestätigte Deutschlands BP/Aral-Chef Uwe Franke zuletzt im Tagesspiegel-Interview. BP, Shell, Exxon Mobil, für diese Konzerne war 2008 alles andere als ein Krisenjahr. 147 war die magische Zahl des Jahres. So viele Dollar konnten die Produzenten für ein Barrel Rohöl (159 Liter) im Juli verlangen. Das war die Zeit der Horrorszenarien. Gasprom-Chef Alexej Miller, der selbst von hohen Preisen profitiert und daher befangen ist, prognostizierte einen Rohölpreis von 250 Euro. Er stellte auch einen Preis von 300 oder 400 Dollar in Aussicht, falls zum Beispiel der Iran als Förderland ausfallen sollte – im Kriegsfall etwa. So weit kam es nicht.

Das Jahr bewies dafür, dass die Organisation der Erdöl exportierenden Länder (Opec) den Preis kaum mehr kontrollieren kann. Saudi-Arabiens König Abdulla lud im Juni Förderländer und besorgte Industriestaaten zum Gipfel nach Dschidda. Er kündigte eine Erhöhung der Fördermenge an, die den Preis drücken sollte. Opec-Länder wie Algerien und Venezuela lehnten dies ab und verwiesen auf „die Spekulanten“, die den Preis steuern. Das Argument klang vorgeschoben – schließlich füllte der Rekordpreis die Staatskassen aller Förderländer.

Dann platzte die Ölpreisblase im Herbst wirklich. Mit dem Zusammenbruch der großen US-Investmentbanken zogen Anleger ihr Geld aus dem Rohstoff ab. Die Angst vor der größten Wirtschaftskrise seit 1929 und die damit verbundene geringere Ölnachfrage sorgten dafür, dass ein Barrel von 100 Dollar zu Beginn des Jahres über 147 Dollar im Sommer auf nun 38 Dollar fiel.

Auch im kommenden Jahr profitieren davon zunächst die Verbraucher, an der Tankstelle und beim Heizen mit Öl. Der EID rechnete aus, dass die Bundesbürger insgesamt im Jahr 10 bis 15 Milliarden Euro weniger für Energie bezahlen müssten – wenn der Ölpreis sich auf dem Niveau von 2005 einpendelt. Das wäre bei 60 Dollar pro Barrel.

Pech hatten bisher eher die Kunden, die mit Gas heizen und kochen. Zwar orientiert sich der Gaspreis am Öl, doch mit ein paar Monaten Verzögerung. So gaben die Gasversorger die Ölrekordpreise aus dem Sommer ausgerechnet zu Beginn der Heizsaison an ihre Kunden weiter. Inzwischen haben viele Firmen ihre Tarife wieder leicht gesenkt. Doch nicht genug. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, müssten die Gaspreise im kommenden Jahr noch mal um 25 Prozent sinken, erwarten die Verbraucherschützer.

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