Wirtschaft : Ölpreis nähert sich der 80-Dollar-Marke

Kämpfe im Nahen Osten treiben die Kurse / Diesel auf Höchststand / Aktienmärkte reagieren mit Verlusten

Anselm Waldermann

Berlin - Die Angriffe Israels auf den Libanon haben den Ölpreis auf neue Rekordhöhen getrieben. Mittlerweile sind die Notierungen nur noch knapp von der 80-Dollar-Marke entfernt. „Der Sprung über die 80 scheint unausweichlich“, sagte Victor Shum von der Energieberatungsgesellschaft Purvin and Gertz. Experten halten nun auch einen Benzinpreis von 1,50 Euro für immer wahrscheinlicher. Die Aktienmärkte reagierten mit Kursverlusten. So verlor der Dax am Freitag 1,9 Prozent auf 5422 Punkte. Auch in anderen europäischen Ländern drehten die Börsen ins Minus, ebenso in den USA und in Fernost.

Am Freitag kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent an der Londoner Börse 78,03 Dollar und damit so viel wie noch nie. In New York kletterte der Preis für Leichtöl zeitweise auf 78,40 Dollar. Am Abend stand er bei 77,15 Dollar. Die Gewalteskalation in Israel und im Libanon sorge für große Unsicherheit, erklärten Händler. Auch der Preis für Rohöl aus der Opec (Organisation Erdöl exportierender Länder) erreichte mit 70,38 Dollar ein Rekordniveau. Bereits in den vergangenen Tagen waren immer neue Höchststände erreicht worden.

Auch die Benzinpreise in Deutschland steigen. Nach einer Erhöhung durch Shell und Aral kostet ein Liter Super im bundesweiten Durchschnitt nun 1,43 Euro, bei Diesel sind es 1,20 Euro. Der Dieselpreis hat damit seinen absoluten Höchststand vom September 2005 wieder erreicht, Super ist vom bisherigen Rekord nur noch zwei Cent entfernt. „Es sieht nach einem heißen Öl-Sommer aus“, sagte Rainer Wiek vom Energieinformationsdienst EID. Ein Preis von 1,50 für Super rücke näher.

Nach Einschätzung von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CDU) besteht aber trotz des hohen Ölpreises keine Gefahr für das deutsche Wirtschaftswachstum. Er gehe davon aus, dass die von der Regierung vorausgesagte Wachstumsrate für dieses Jahr von 1,6 Prozent „erfüllt oder übererfüllt“ werde, sagte Glos in Berlin. Er räumte aber ein, dass der im Jahreswirtschaftsbericht zu Grunde gelegte durchschnittliche Ölpreis von 60 Dollar wahrscheinlich höher ausfallen werde.

Ökonomen zeigten sich skeptischer. „Der Ölpreis ist zurzeit das größte Konjunkturrisiko“, sagte der Chefvolkswirt der Allianz, Michael Heise. In diesem Jahr sei die Teuerung bei Energie gravierender als 2005, weil gleichzeitig auch die Zinsen steigen. „Wir kommen langsam an einen Wendepunkt“, sagte auch Volkswirt Stefan Bielmeier von der Deutschen Bank. „Wenn der Ölpreis weiter steigt, wird das der deutschen Wirtschaft richtig weh tun.“

Nach gängigen Schätzungen dämpft ein um zehn Dollar höherer Ölpreis das Wirtschaftswachstum um 0,2 Prozentpunkte – zum einen wegen der steigenden Energiekosten für die Unternehmen, zum anderen, weil die Verbraucher angesichts hoher Benzinpreise weniger Geld für andere Anschaffungen in der Tasche haben. Ölpreis und Deutscher Aktienindex entwickeln sich deshalb oft gegenläufig (siehe Grafik).

Gelassener sieht das hingegen Volker Borghoff, Aktienstratege bei HSBC. „Der Einfluss des Ölpreises auf die Volkswirtschaft wird überschätzt“, sagte er dem Tagesspiegel. Weil das teure Öl alle Unternehmen gleichermaßen treffe, könnten sie ihre gestiegenen Kosten über Preiserhöhungen weitergeben.

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