Wirtschaft : Ölrausch im Kaukasus

Umweltschützer kritisieren Pipeline/Deutsche Banken beteiligt

Jens Mühling

Tiflis. Für den neuen georgischen Staatschef, Michail Saakaschwili, ist die Sache klar. „Das Thema BP-Pipeline ist abgeschlossen“, sagte Saakaschwili während des Weltwirtschaftsforums in Davos, „daran wird nicht gerüttelt.“ Den Investoren dürfte ein Stein vom Herzen gefallen sein: Mit Unruhe hatte man die jüngsten Entwicklungen in Georgien verfolgt. Grundlos, wie sich herausstellte, denn was die Pipeline für Georgien bedeutet, weiß Saakaschwili genau: Bis zu 60 Millionen US-Dollar Transitgebühren im Jahr könnte Tiflis bald einnehmen.

Die transkaukasische Ölleitung ist ein Ergebnis des so genannten „Jahrhundertvertrages“: 1994 beschlossen Aserbajdschan und ein internationales Mineralölkonsortium unter der Leitung von BP die Erschließung von 800 Millionen Tonnen Rohöl aus dem Kaspischen Meer. Für Aserbajdschan bedeutete der Vertrag vor allem eine Loslösung von Russland: Da das Land über keinen Zugang zum offenen Meer verfügt, wird Öl aus Baku bislang zu den Schwarzmeerhäfen Noworossijsk und Supsa gepumpt und über den Bosporus verschifft, womit der aserbajdschanische Ölexport faktisch russischer Kontrolle untersteht. Zudem ist die Kapazität des Bosporus beschränkt: Erst Anfang Januar verhängten die türkischen Behörden nach einem Tankerunglück vor Istanbul strengere Begrenzungen für den Schiffsverkehr.

Auf der Suche nach der geostrategisch günstigsten Möglichkeit, aserbajdschanisches Öl zu exportieren, verfiel das BP-Konsortium auf den Bau einer Pipeline zum Mittelmeer. Mehrere Routen wurden verworfen: Die kürzeste Variante, eine Trasse quer durch Armenien, schied wegen des Konflikts um die Enklave Berg-Karabach aus, iranisches Territorium wurde aus Rücksicht auf die USA gemieden. Die jetzt in Bau befindliche Trasse führt zunächst in westlicher Richtung durch Aserbajdschan und Georgien, knickt kurz hinter Tiflis nach Süden ab und erreicht schließlich den türkischen Hafen Ceyhan. Etwa die Hälfte der Arbeiten ist abgeschlossen, von 2005 an sollen täglich bis zu eine Million Barrel Öl ans Mittelmeer gepumpt werden.

Finanziert wird das 3,6 Milliarden US-Dollar teure Projekt zu 30 Prozent von den Mitgliedern des Konsortiums, für den Rest erhielten die Betreiber Kreditzusagen in Höhe von 2,6 Milliarden Dollar. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung will zusammen mit der Weltbank 500 Millionen Dollar aufbringen, weitere 936 Millionen werden von 15 internationalen Banken gestellt, darunter die West LB und die HypoVereinsbank. Durch Exportkreditgarantien aus sechs Ländern werden die restlichen 1,166 Milliarden abgedeckt, auch die Bundesregierung vergibt eine Hermes-Garantie.

Unter Umweltschützern nimmt aber die Befürchtung zu, die am Bau beteiligten Länder drohten im Ölrausch den Blick für die Konsequenzen zu verlieren. Frank Mörschel vom World Wildlife Fund etwa hält die Pipeline für „ein höchst riskantes Projekt“. Die Trasse zerschneide anerkannte Schutzgebiete und führe durch stark erdbebengefährdetes Terrain, erklärt Mörschel: „Ölkatastrophen sind vorprogrammiert.“ In der Tat überwindet die Pipeline 2700 Meter hohe Gebirgszüge mit nachgewiesener Erdbebengefährdung. Darüber hinaus, so Mörschel, sei es bei der Konsultation betroffener Anwohner zu Unregelmäßigkeiten gekommen.

BP-Sprecherin Clare Bebbington wiegelt ab: „ Über 30000 Landbesitzer entlang der Strecke wurden befragt." Nach dem Bau könne das beanspruchte Land wieder landwirtschaftlich genutzt werden. „Alles, was wir verlangen, ist das Nutzungsrecht für einen acht Meter breiten, unterirdischen Korridor“, sagt Bebbington. Auch ein unabhängiges Prüfverfahren der Weltbank bescheinigt der Pipeline Unbedenklichkeit. Für WWF-Sprecher Frank Mörschel ein klares Zeichen, dass die Weltbank die eigenen Umweltkriterien unterläuft.

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