Wirtschaft : Österreich im kalten Wind des Wettbewerbs

ULRICH GLAUBER[WIEN]

Brüssel als Sündenbock fürProbleme mit der Globalisierung/Mehrheit der Österreicher siehtEU-Beitritt jedoch noch immer positivVON ULRICH GLAUBER, WIEN

Es wird ernst auf dem Weg zur Währungsunion.Aberwie überzeugt sind unsere Nachbarn von der Idee Europa wirklich? UnsereKorrespondenten zeichnen ein Stimmungsbild.Für die politischeFührungsriege in Wien ist der Zug in Richtung Brüssel unwiderruflich aufsGleis gesetzt.Der designierte österreichische Kanzler Viktor Klimabezeichnet die Teilnahme an der europäischen Währungsunion als seinwichtigstes Ziel nach der Regierungsübernahme.Der bisherigeFinanzminister hatte mit einem harschen Sparprogramm dazu beigetragen, daßÖsterreich bei der Erfüllung der Maastricht-Kriterien gegenwärtig besserdasteht als der Nachbar Deutschland.Auch Klimas Vorgänger Franz Vranitzkysetzt ganz auf Integration.Der Beitritt Österreichs zur EuropäischenUnion (EU) sei sein wichtigster Erfolg in zehnjähriger Amtszeit gewesen,meint der scheidende Regierungschef.Die österreichische Bevölkerungdagegen sieht die EU-Mitgliedschaft mit gemischten Gefühlen.Einerseitshält sich laut Umfragen eine Mehrheit der Befürworter.Preisvorteiledurch Zollermäßigungen vor allem bei Lebensmitteln - allein Milchproduktewurden um fast 16 Prozent billiger - dürften dazu beigetragen haben. Wirtschaftsexperten sind der Auffassung, daß die relativ niedrigeInflationsrate von zwei Prozent in den vergangenen beiden Jahren ohneEU-Beitritt höher ausgefallen wäre.Andererseits bläst auch in derAlpenrepublik seit dem Ende der Teilung Europas und in Zeiten derGlobalisierung ein rauher Wind.Die gemütliche Nische am Rande der "freienWelt" ist zum zugigen Korridor geworden.Mancher Österreicher wittert inBrüssel die Ursache der Unbehaglichkeit.Wegen der engen Bindung desSchilling an die D-Mark, bleibt Wien ohnehin keine Alternative, als dementschlossenen Euro-Kurs des deutschen Kanzlers Helmut Kohl zu folgen.Zudem teilt Österreich mit Deutschland das Schicksal des Hochpreislandesund der Exportabhängigkeit seiner Industrie.Die österreichischeWirtschaft ist entsprechend am Wegfall schwankender Wechselkurse undaufwendiger Umrechnungsprozeduren interessiert.Die Arbeitslosenrate vonsieben Prozent bedeutet einen Höchststand seit dem Krisenjahr 1954.Weitere Entlassungswellen stehen bevor.Das hat gerade wieder dieAnkündigung des Papierherstellers Leicam - Tochter der niederländischenKNP-Gruppe - bewiesen, bis 1999 ein Viertel der 4300 Stellen im steirischenGratkorn bei Graz zu streichen.Ohne Anreize für Kapitalgeber aus denEU-Ländern möglichst aus HighTech-Branchen ist diese Negativentwicklungnicht zu kompensieren. Mit Wohlwollen verzeichnen die österreichischenPolitiker deshalb den Rekord von umgerechnet fünf Mrd.DM anAuslandsinverstitionen im vergangenen Jahr, auch wenn wegen derwechselvollen Geschichte der Nachbarländer nicht alle Österreicher vonder Deutschlastigkeit des "Ausverkaufs" begeistert sind.Von derLebensmittelkette Billa, bei der sich der Kölner REWE-Konzern mit derRekord-Summe von kolportierten 300 Mill.DM engagierte, bis zum illustrenMöbelhersteller Thonet reichen die deutschen Übernahmen.Umgekehrt hatallerdings auch die österreichische Wirtschaft die Zeichen der Zeiterkannt.Jedes dritte große Industrieunternehmen, das noch nicht imAusland vertreten ist, plant den Schritt über die Grenze.TraditionelleBindungen aus der Ära der Donaumonarchie und die geographische Nähelassen dabei die ostmitteleuropäischen Länder im Vordergrund stehen.Österreich mit seinen acht Millionen Bewohnern steht bei den Investitionenin dieser Region hinter dem zehnmal so bevölkerungsreichen Deutschland anzweiter Stelle. Politiker und Wirtschaftsfachleute in Wien sind einerMeinung, daß Österreich für die Europa-Fitneß allerdings noch eineEntschlackungskur braucht.Anpassen muß sich unter anderem dasKreditwesen, weil Österreich "overbanked" ist.Mit der Übernahme derzweitgrößten Bank Creditanstalt durch den Branchenprimus Bank Austriawurde ein erster Schritt getan.Ein zweites Beispiel ist der Energiesektor.Die Elektrizitätswerke des Donau- und Alpenlandes mit seiner Vielfalt anWasserkraft sind bisher weitgehend auf Ebene der Bundesländer angesiedelt.Wirtschaftsminister Johannes Farnleitner sieht Probleme, wenn dieEU-Richtlinie zum freien Stromverkauf umgesetzt wird.Der Minister aus denReihen der konservativen Volkspartei plant eine Reorganisation, sehr zumÄrger der Landespolitiker auch des eigenen Lagers.Ohne Friktionen undInteressenkonflikte kann der Anpassungsprozeß nicht ablaufen.So haben diegeplagten Bewohner der Alpentäler im Transitland Österreich dieFreizügigkeitspolitik der Brüsseler Kommission als Hauptgrund für denzunehmenden Verkehr ausgemacht und fordern stürmisch Abhilfe.Für die kriselnde Tourismusbranche dagegen könnten ruhig wieder mehrGäste ins Land kommen.In dieser Wintersaison scheint nach ergiebigenSchneefällen auch aus finanzieller Sicht wieder die Sonne.Aber imkommenden Sommer drohen die Übernachtungszahlen auf das Niveau der 60erJahre zurückzufallen, weil vor allem die Deutschen nicht mehr mit demVerhältnis zwischen Preis und Leistung in den österreichischenFremdenverkehrsgebieten zufrieden sind.Hoteliers und Gastwirte sehengravierende Fehler bei der Werbung und verlangen eine Neuorientierung,damit mit den deutschen Gästen auch wieder mehr D-Mark ins Land rollen.HOHE ZIELE hat sich die Alpenrepublik in der Europäischen Union gesetzt.

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