Wirtschaft : ÖTV: 95 Prozent für den neuen Vorsitzenden

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Nach dem bislang desaströsen Verlauf des ÖTV-Gewerkschaftstages setzten die Delegierten am Donnerstag ein Zeichen der Geschlossenheit. Mit knapp 95 Prozent wählten sie den 48jährigen Niedersachsen Frank Bsirske zu ihrem neuen Vorsitzenden, nur 27 der 519 Delegierten stimmten gegen Bsirske. Der Hauptvorstand der Gewerkschaft hatte den frühen ÖTV-Vize des Bezirks Niedersachsen vorgeschlagen, nachdem am Mittwoch der bisherige Vorsitzende Herbert Mai seinen Rückzug erklärt hatte. Mai zog damit die Konsequenz aus dem negativen Abstimmungsergebnis über die vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Verdi; ein Drittel der Delegierten hatten gegen Verdi gestimmt. Bsirske, der als erstes Mitglied der Grünen Chef einer Gewerkschaft wird, sagte vor den Delegierten, "wir müssen die nächsten Jahre nutzen, um Verdi zu werden".

Der neue Vorsitzende forderte seine Gewerkschaft auf, Verdi trotz Vorbehalten zuzustimmen. Er selbst sei in einigen Punkten mit dem Verdi-Projekt nicht zufrieden. Die ÖTV müsse aber jetzt Brücken zu den anderen vier Partnern bauen, weil Verdi eine historische Chance sei. Er wolle dafür kämpfen, dass es auf dem Kongress der ÖTV im März in Berlin eine breite Mehrheit für Verdi geben werde. Damit Verdi mit der ÖTV stattfinden kann, müssen 80 Prozent der Delegierten zustimmen. Bei der Probeabstimmung am Dienstag hatten nur gut 65 Prozent für Verdi gestimmt. Zu Verdi wollen die DAG, die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV), IG Medien und Postgewerkschaft fusionieren.

Der Politologe Bsirske, 1952 in Helmstedt geboren, begann seine Karriere als Bildungssekretär der "Sozialistischen Jugend Deutschlands - Die Falken". Ende der 80er Jahre arbeitete er in der Fraktion der Grünen Alternativen Bürgerliste im Stadtrat Hannover und ging anschließend als Sekretär zur ÖTV. Von 1991 bis 1997 war Bsirske stellvertretender Vorsitzender des ÖTV-Bezirks Niedersachsen, seitdem ist er als Personaldezernent für die rund 16 000 Beschäftigten in der Stadtverwaltung Hannover zuständig. In Hannover hat er laut Deutscher Presseagentur den Ruf eines fähigen Managers, weil er sich als Modernisierer überkommener Verwaltungsstrukturen profiliert habe. "Die Leistungsfähigkeit des öffentlichen Dienstes muss verbessert werden", ist einer seiner Leitgedanken. Bsirske führte in Hannover so genannte Bürgerämter ein: In diesen Servieeinrichtungen können die Einwohner direkt in ihrem Stadtteil alle Behördengänge an einer Stelle abwickeln. Auch die Vergabe von Führungsposten auf Zeit geht auf seine Initiative zurück. Sein jüngster Vorschlag: Die Einführung von flexibleren Arbeitszeiten im öffentlichen Dienst, damit beispielsweise die städtischen Kindergärten ihre Öffnungszeiten besser an die Bedürfnisse der Eltern anpassen.

Dass Bsirske im Vergleich zu seinem Vorgänger Mai ein glänzender Rhetoriker ist, zeigte sich bei seinem ersten Auftritt in Leipzig. Mit Witz, Offenheit und einem Appell an das Wir-Gefühl hatte er die ÖTV-Delegierten aus ihrer Lähmung gerissen. "Ich bin nicht die eierlegende Wollmilchsau und habe keinen Königsweg für alle Problemlagen in der Tasche", warnte Bsirske indes vor zu großen Erwartungen. Seine couragierte Antrittsrede beeindruckte selbst den ÖTV-Chef von Nordrhein-Westfalen und schärfsten Verdi-Kritiker Hartmut Limbeck: "Ich bin angenehm angetan. Er gibt der ÖTV eine neue Perspektive", sagte Limbeck und fügte mit Blick auf Verdi hinzu: "Ich hoffe, er kann da noch etwas bewegen."

Bsirske gilt als guter Organisator und als Mann, der auch langfristig strategische Konzepte entwickeln kann. "Wenn einer die Situation in der ÖTV in den Griff kriegen kann, dann er", sagt Enno Hagenah, niedersächsischer Landtagsabgeordneter der Grünen und lange Jahre Weggefährte des neuen Gewerkschaftschefs dpa. "Als Grenzgänger zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern kennt er beide Seiten des Tisches. Und das ist enorm wichtig."

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