Wirtschaft : ÖTV: Die Gewerkschaft steht vor der Zerreißprobe

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Die fünf Verdi-Gewerkschaften halten trotz des negativen Abstimmungsergebnisses der ÖTV an der neuen Dienstleistungsgewerkschaft fest. "Wir arbeiten mit hoher Energie an Verdi mit fünf weiter", sagte die Vorsitzende der Gewerkschaft HBV, Margret Mönig-Raane am Mittwoch in Leipzig. Der Chef der Postgewerkschaft, Kurt van Haaren, meinte auf einer gemeinsamen Pressekonferenz der fünf Gewerkschaftsvorsitzenden, "jede der Gewerkschaften für sich kann die Zukunft nicht gewinnen".

Seit 1949 hätten die deutschen Gewerkschaften noch nie so nahe vor einer durchgreifenden Reform gestanden. "Das Werk muss gelingen", sagte van Haaren. Zuversichtlich gaben sich auch der Vorsitzende der Deutschen Angestelltengewerkschaft, Roland Issen sowie IG Medien-Chef Detlef Hensche. Hoffnung machte den Gewerkschaftsführern, dass der ÖTV-Kongress am Mittwoch mit einer Mehrheit von gut 77 Prozent für einen außerordentlichen Gewerkschaftskongress im März des kommenden Jahres stimmte, auf dem dann endgültig über die Beteiligung an Verdi entschieden wird.

Am Dienstag hatte sich rund ein Drittel der ÖTV-Delegierten gegen Verdi ausgesprochen, worauf sich am Mittwoch ÖTV-Chef Herbert Mai zum Verzicht auf die Wiederkandidatur entschloss. Mai begründete seinen Rückzug damit, dass er "die politische Verantwortung dafür übernehme, dass es nicht gelungen ist, die notwendige Mehrheit für ein Ja für Verdi zu schaffen". Als Ursache des schlechten Abstimmungsergebnisses nannte Mai die "Angst vor Veränderungen" sowie die Befürchtungen von ÖTV-Mitgliedern, Funktionen und Einfluss zu verlieren.

Nach dem Rückzug ihres Vorsitzenden setzten die Delegierten ziemlich ratlos ihren Gewerkschaftstag fort. "Wir stehen vor einem Scherbenhaufen", sagte ein Gewerkschafter. Unsicherheit und Ratlosigkeit, wie es nun mit der ÖTV weitergeht, bestimmte die weitere Diskussion, in der mehrfach von einer "Zerreißprobe" für die Gewerkschaft die Rede war. Unter Tränen sagte Angelika Brunner aus dem ÖTV-Gesamtbetriebsrat, "ich habe Angst, dass es die ÖTV zerreißt und das wir Kollegen und Mitglieder verlieren". Sie sehe die Gefahr, dass ganze Mitgliedergruppen die Gewerkschaft verlassen könnten. Eine ähnliche Befürchtung äußerte ein Delegierter aus Norddeutschland. Wenn die vier Partnergesellschaften zu Verdi fusionierten und die ÖTV allein bleibe, "verlieren wir Mitglieder, denn Verdi ist dann die Nummer eins und nicht die ÖTV".

Für das Abstimmungsergebnis vom Dienstagnachmittag wurden unterschiedliche Ursachen ausgemacht. "Der Mai ist zu gutmütig, er hätte härter angreifen müssen", meinte ein Delegierter. Auch der "Egoismus" hauptamtlicher Gewerkschafter wurde genannt. Da diese Funktionäre Angst um ihren Job in der neuen Verdi-Organisation hätten, seien sie am Scheitern des Projekts interessiert. Dem widersprach ein ehrenamtlicher ÖTV-Delegierter aus Gelsenkirchen, der gegen die geplante Dienstleistungsgewerkschaft gestimmt hatte, weil die geplante Verdi-Struktur zu Lasten der jetzigen ÖTV-Gliederungen gehen. Schließlich wurde auch die ÖTV-Spitze kritisiert, die "Signale missachtet und die Leute nicht mitgenommen" habe. "Die Verdi-skeptische Minderheit wurde nicht einbezogen", bemängelte der bayerische ÖTV-Bezirksvorsitzende Michael Wendl, der die ÖTV nun "in der schwersten Krise ihrer Geschichte" sieht.

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