Wirtschaft : ÖTV-Kongress: Chef Mai unter Druck

Alfons Frese

Es kommt der Zeitpunkt, da sind der Worte genug gewechselt. "Wir werden das machen. Basta." - sprach der Bundeskanzler zu den ÖTV-Delegierten in Leipzig. Also, Schluss mit dem Debattieren und Lamentieren über die überfällige Rentenreform. Die Pfiffe der Gewerkschaftsgenossen nimmt Schröder in Kauf. "Ach", dürfte sich ÖTV-Chef Herbert Mai gedacht haben, "wenn ich doch auch so könnte wie der Schröder!" Mai steht vor einer schweren Woche. Auf dem Gewerkschaftstag liegt nicht nur seine Wiederwahl an. Im Mittelpunkt des Kongresses steht vielmehr der Streit um Verdi, die vereinte Dienstleistungsgewerkschaft, zu der sich ÖTV, DAG, HBV, Postgewerkschaft und IG Medien im kommenden Frühjahr zusammenschließen wollen. Mai soll Chef der mit drei Millionen Mitgliedern größten Gewerkschaft der Welt werden. Und der ÖTV-Chef bemüht sich um die Fusion, mit der die DAG wieder unter das DGB-Dach geholt wird. Doch Mai kann sich im eigenen Lager nicht durchsetzen. Unter anderem lehnt der mitgliederstärkste ÖTV-Bezirk Nordrhein-Westfalen II die Verdi-Organisation ab. Das kommt nicht überraschend: Wenn kleinere Bereiche in einer Großorganisation aufgehen, droht für Funktionäre der Verlust an Kompetenz und Einfluss. Die persönlichen Vorbehalte der hauptamtliche Gewerkschafter auszuräumen und die reformfeindlichen Betonköpfe in den Griff zu kriegen - das ist die Aufgabe Mais, wenn Verdi mit allen fünf Gewerkschaften gelingen soll. Leipzig bringt eine Vorentscheidung: Wenn hier nicht mindestens 70 Prozent der Delegierten für Verdi stimmen, hat Mai kaum noch eine Chance, bis zum März die dann erforderlichen 80 Prozent zusammenzukriegen.

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