OHB : Die schlauen Füchse von Bremen

Von der Klitsche zum Raumfahrtkonzern: Der steile Aufstieg des Bremer Familienunternehmens OHB.

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Galileo – demnächst von OHB. Foto:dpadpa

Bremen Manfred Fuchs ist Höhenflüge gewöhnt – im wahrsten Sinne des Wortes: Der in Südtirol geborene Bremer Unternehmer galt einst als jüngster Pilot Italiens, weil er bereits mit 17 Jahren eine Flugausbildung absolviert hatte. Heute leitet der 71-Jährige den Aufsichtsrat der Raumfahrtfirma OHB Systems und erlebt gerade Höhenflüge im übertragenen Sinn: Das Familienunternehmen hat am Donnerstag den größten Einzelauftrag in der 28-jährigen Firmengeschichte an Land gezogen, nämlich den Bau von 14 Satelliten für das europäische Navigationssystem Galileo. Diese frohe Botschaft, die sich schon vor Weihnachten abgezeichnet hatte, ließ nicht nur die Stimmung bei Familie Fuchs und ihren weltweit über 1500 Beschäftigten in die Höhe schnellen, sondern auch den Aktienkurs der Dachgesellschaft OHB Technology: Er stieg seit Jahreswechsel bis Freitagnachmittag um fast 50 Prozent.

Noch vor wenigen Jahren wussten sogar die meisten Bremer nicht, dass am Rande ihrer Universität eine so erfolgreiche Firmenzentrale residiert. Angefangen hatte alles mit einer Klitsche: Ende 1981 kaufte Christa Fuchs einen Reparaturbetrieb für die Bundesmarine namens Otto Hydraulik Bremen (OHB) mit gerade mal fünf Beschäftigten. 1985 stieg auch ihr gleichaltriger Ehemann Manfred Fuchs mit ein. Der Flugzeugbauingenieur („Ich bin der Dinosaurier der Raumfahrt“) verzichtete dafür auf seinen sicheren Posten als Abteilungsdirektor beim Raumfahrtunternehmen Erno. Seitdem spezialisierte sich das Bremer Unternehmen selber auf Raumfahrttechnik. Einmal baute es sogar ein Weltraumaquarium – damit Forscher im All untersuchen können, wie Fische mit der Schwerelosigkeit klarkommen. Weitere Bereiche wie die Telematik kamen hinzu, und immer mehr Firmen wurden von den schlauen Bremer Füchsen in ihre Gruppe einverleibt, zum Beispiel die ehemalige MAN-Tochter MT Aerospace in Augsburg.

Mittlerweile ist unter dem Dach der Aktiengesellschaft OHB Technology ein Geflecht aus fast 20 Firmen im In- und Ausland entstanden, deren Umsatz 2009 auf 300 Millionen Euro geschätzt wird - der größte Raumfahrtkonzern in allein deutschem Besitz. An der Spitze steht seit Ende 2000 Marco Fuchs (47), der Sohn des Gründer-Ehepaares. Auch nach dem Börsengang 2001 halten die Familienmitglieder 70 Prozent der Anteile.

Obwohl OHB 2003 sogar als wachstumsstärkstes Hightech-Unternehmen Deutschlands eingestuft wurde, nahm eine breitere Öffentlichkeit erst Notiz von den Bremern, als diese über ihre Tochter MT Aerospace bei drei EADS- und Airbus-Werken einsteigen wollten. Der Deal scheiterte 2008, weil sich die Verhandlungspartner laut OHB auf keine „für beide Seiten wirtschaftlich akzeptable Lösung“ einigen konnten.

Umso größer die Freude an der Weser, als jetzt der kleine Außenseiter gegen den Riesen EADS die Galileo-Ausschreibung gewann. Dabei profitierten die Bremer wohl nicht nur von ihren schlanken Strukturen, sondern auch von ihrer langjährigen Erfahrung aus namhaften Raumfahrtprojekten. Dass die Bremer stark auch von Rüstungsaufträgen profitieren, kommt allerdings nicht überall gut an: Als das Gründer-Ehepaar Fuchs 2009 den Titel „Ehrenbürger und Förderer der Universität Bremen“ erhielt, versuchten Demonstranten vergeblich, einen Alternativpreis zu überreichen: den „blutigen Schreibtischtäter-Schreibtisch“. 

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