Wirtschaft : Ohne Autoschutzbrief fährt (fast) keiner

THOMAS MAGENHEIM

Urlaubsreisen mit dem eigenen Auto bringen nicht immer Erholung und Entspannung. Einen Teil aller möglichen Unliebsamkeiten sollen Autoschutzbriefe finanziell und mit rascher Hilfe abfedern helfen. Bis 1998 galt eine derartige Police als Domäne des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs (ADAC) in München. Angespornt vom Versicherungsriesen Allianz AG, München, ist mittlerweile die gesamte Assekuranz mit Billigangeboten tief in diesen Markt eingedrungen. Ob das für Verbraucher Vorteile bringt, bleibt umstritten.Als quersubventionierte "Lockvogelangebote", mit denen Autofahrer "gelinkt" werden sollen, geißelte ADAC-Chef Otto Flimm zuletzt die "Dumpingpreise" der Assekuranz. Ein Schutzbrief der führenden Kfz-Vericherer Allianz und Huk Coburg in Kombination mit Haftpflichtpolicen kostet 13 DM. Immerhin 65 DM Aufpreis auf eine Mitgliedschaft muß ein Autofahrer beim ADAC für den Schutz berappen. Die Versicherungskonzerne seien nur billiger, weil sie im Schadensfall weniger Leistung bieten, warnt der ADAC vor vermeintlichen Schnäppchen. Der Club biete Zusatz-Leistungen, die ohnehin kaum jemand in Anspruch nehme, heißt es seitens der Versicherer, die die Kritik des ADAC als "scheinheilig und aus der Luft gegriffen" bezeichnen.Der Verbraucher bleibt indessen weitgehend ratlos zurück. Als wesentliche Vorteile des eigenen Schutzbriefs preist der ADAC einerseits die weltweite Gültigkeit personenbezogener Leistungen wie die Übernahme von Übernachtungskosten an. Die Billigangebote der Versicherer seien in diesem Punkt nur in Europa und rund ums Mittelmeer gültig, was der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in Berlin bestätigt. Andererseits beschränkt der ADAC seinen Schutz nicht nur auf Reisen mit dem eigenen Auto. Auch wenn der Versicherte mit seiner Familie per Bahn, Fahrrad oder beliebigen anderen Verkehrsmitteln unterwegs ist, besteht Versicherungsschutz.In diesem Punkt hat aber zumindest die Huk Coburg seit Mai gleichgezogen. "Unsere Leistungen sind wie beim ADAC nun nicht mehr auf das jeweilige Kfz beschränkt," betont ein Huk-Sprecher. Branchenweit greift diese Änderung jedoch nicht. So ist ein verbilligter Allianz-Schutzbrief weiter an ein bestimmtes Auto gebunden. "Da bietet jeder was anderes," bestätigt ein GDV-Sprecher die mittlerweile völlig uneinheitlichen Vertragsgrundlagen. Billigschutzbriefe seien entweder an die Haftpflicht-, Voll- oder Teilkasko-Police gebunden, aber auch als separater Schutz erhältlich. Sie seien teils umsonst zu haben, könnten aber auch weit über 100 DM pro Jahr kosten und völlig unterschiedliche Leistungsumfänge enthalten. Insgesamt zeige die Marktentwicklung aber, daß die Versicherer mit den Billigangeboten den Kundenwünschen entsprächen. Schon 1998, im ersten Jahr ihrer Schutzbriefoffensive, hätten die rund 60 in Deutschland tätigen Kfz-Versicherer rund vier Mill. Billigschutzbriefe verkauft, meldet der GDV. Dazu kämen 2,8 Mill. herkömmliche Schutzbriefpolicen.Vom Markt bestätigt fühlt sich allerdings auch der ADAC. "1998 war für unsere Schutzbriefe extrem erfolgreich," jubiliert ein Sprecher des Clubs. Der Bestand an entprechenden Policen sei im Vorjahr um knapp eine halbe Mill. auf gut sechs Mill. gestiegen. Keinesfalls habe der Zuwachs mit gezielter Akquisition durch die Straßenwacht vor Ort zu tun. Die sei zuletzt nur für zwölf Prozent aller neugeworbenen Mitglieder verantwortlich gewesen. Eine Erklärung sei vielmehr das Vertrauen auf ADAC-Qualität. Im Vergleich zu Kfz-Versicherern sei der Club "um ein bis zwei Klassen besser bei der Leistungserbringung," behauptet ein Sprecher des Vereins mit Berufung auf die Stiftung Warentest in Berlin.Bei einer Überprüfung der im Schadensfall erbrachten Schutzbriefleistungen haben der ADAC und andere Automobilclubs "alle Tests gut bestanden", befanden die Berliner 1998. Kfz-Versicherer mußten sich Mängel bei der Pannenhilfe ankreiden lassen. So seien Testwagen ohne Fehlersuche abgeschleppt, die Übermittlung von Nachrichten an Familienmitglieder vertragswidrig abgelehnt oder zu wenig Kosten erstattet worden. Bei einem weiteren Test in diesem Jahr beurteilte die Stiftung den ADAC allerdings völlig anders. In zwei von drei Fällen habe dieser "ohne ernsthaft Fehlersuche die Fahrzeuge sofort auf den Haken genommen" und bei einem Abschleppversuch sogar die Stoßstange "erheblich demoliert," rügten die Berliner zuletzt.Dieses Urteil habe den ADAC "hart getroffen", räumte ein Sprecher in München ein. Interne Leistungstests kämen zu besseren Ergebnissen. Die Kfz-Versicherer weisen indessen nicht ohne Häme auf den jüngsten Befund der Warentester hin. Gleichzeitig wertet der GDV das im Vorjahr ergangene und für die eigene Seite ungünstige Testurteil als bloße Momentaufnahme ohne große Aussagekraft. Für Autofahrer wird es angesichts dieser widersprüchlichen Aussagen und Wertungen nicht gerade leichter, den richtigen Schutzbrief zu finden. Oder aber sie schließen sich der Sicht des Hamburger Bunds der Versicherten (BdV) an. Denn BdV-Chef Hans Dieter Meyer beantwortet die Frage nach empfehlenswerten Schutzbriefen schlicht mit "gar keiner". Sie seien alle "ziemlich wertlos", weil Leistungen auf geringe Summen begrenzt blieben. So werde eine durch Autopannen erzwungene Hotel-Übernachtung in der Regel nur für eine Person und mit maximal 100 DM erstattet. Das größte Problem bei einer Autopanne im Ausland sei ohnehin die Sprache. Dabei könne schon die einfache Mitgliedschaft in einem Automobilclub mit internationalen Ansprechpartnern weiterhelfen. Den Disput zwischen ADAC und Kfz- Versicherern sieht er als "Streit um Unsinn".

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