Wirtschaft : Ohne Flaute

In Prenzlau soll das erste Wasserstoff-Hybridkraftwerk der Welt für verlässliche Windenergie sorgen

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Speicherplatz. Das neue Kraftwerk in Prenzlau wandelt überschüssige Windenergie in Wasserstoff um, den man nutzen kann, wenn sich mal kein Windrad dreht. Foto: dapd
Speicherplatz. Das neue Kraftwerk in Prenzlau wandelt überschüssige Windenergie in Wasserstoff um, den man nutzen kann, wenn sich...Foto: dapd

Prenzlau - Eine Kombination altbewährter Techniken soll Antworten auf zwei der kniffligsten Fragen der Energieversorgung geben: Mit der Kopplung von Windrädern an eine Biogasanlage will der Windkraftanlagenbetreiber Enertrag aus Dauerthal (Uckermark) künftig nicht nur verlässlichen Strom aus erneuerbaren Energien auch bei Flaute gewährleisten, sondern überschüssigen Strom aus windigen Tagen in Form von Wasserstoff speichern, um ihn später wieder zu verstromen oder als Treibstoff zu verkaufen. Nach zweijähriger Bauzeit wurde am Dienstag bei Prenzlau das angeblich weltweit erste Wasserstoff-Hybridkraftwerk in Betrieb genommen. Es soll Strom für bis zu 9000 Haushalte liefern und Wasserstoff für fünf Tankstellen in Deutschland produzieren.

Die Investitionssumme für das Vorhaben beträgt rund 21 Millionen Euro. Teile der Anlage wurden durch das Land Brandenburg und das Bundesverkehrsministerium gefördert. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) bezeichnete das Hybridkraftwerk am Dienstag vor Ort als „Meilenstein“. Die Energiegewinnung aus Sonne und Wind sei heute längst technisch etabliert, hätte aber „eine gravierende Schwäche: die Diskontinuität“, sagte Platzeck. Die Wirtschaft sei aber auf „preiswürdigen und verlässlichen“ Strom angewiesen.

Das Herzstück und auch die eigentliche Innovation des Hybridkraftwerks ist der sogenannte Elektrolyseur, der mit dem durch die Windräder erzeugten Strom Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff zerlegt. Der so gewonnene Wasserstoff wird dann in Tanks gelagert und bei Bedarf mit Biogas gemischt und in einem nahen Blockheizkraftwerk in Strom und Wärme umgewandelt. Nicht benötigter Wasserstoff wird als Kraftstoff verkauft. „Eigentlich handelt es sich auch beim Elektrolyseur um ein altbewährtes Prinzip, dass bereits seit den 1930er Jahren angewandt wird“, erläuterte Enertrag-Vorstand Werner Diwald. Allerdings habe Enertrag den Elektrolyseur so weiterentwickelt, dass er in Sekundenschnelle auf die Schwankungen an der Windkraftanlage reagieren könne.

Ebenfalls an dem Projekt beteiligt sind der schwedische Energiekonzern Vattenfall, der Mineralölkonzern Total und die Deutsche Bahn-Tochter DB Energie. Während Vattenfall und Total je 500 000 Euro investiert haben, beteiligt sich DB Energie laut Geschäftsführer Hans-Jürgen Witschke mit einem Teil der Einnahmen der Bahn aus ihren CO2-freien Angeboten „Umwelt-Plus“ und „Eco-Plus“. „Die Bahn ist bekanntlich Deutschlands größter Stromverbraucher“, sagte Witschke. Erklärtes Konzernziel sei es, ab 2050 CO2-frei zu fahren. Dafür jedoch sei eine zuverlässige Bereitstellung von Strom aus erneuerbaren Energien notwendig. Während sich Vattenfall durch die Kooperation einen Nutzen für das eigene Windkraft-Geschäft im Offshore-Bereich erhofft, will Total den in Prenzlau erzeugten Wasserstoff an seinen Tankstellen verkaufen. Derzeit bietet der Konzern nach eigenen Angaben Wasserstoff für Brennstoffzellenfahrzeuge mehrerer Hersteller in Berlin und in München an. Zwei weitere, eine in Hamburg und eine in Berlin, sollen folgen. Mit der Eröffnung des neuen Großflughafens in Schönefeld will Total dort zudem die bundesweit erste CO2-neutrale Tankstelle präsentieren. Strom aus einem nahen Enertrag-Windpark solle nicht nur die Ladestationen für E-Autos versorgen, sondern auch vor Ort nach Prenzlauer Vorbild in Wasserstoff für die Zapfsäulen umgewandelt werden, sagte Hans-Christian Gützkow, Chef von Total Deutschland.

Enertrag-Vorstand Diwald hält die Kooperation für wegweisend. „Die Energiewende schafft kein Unternehmen, nur alle zusammen.“ Für die Umstellung auf eine weitgehend umweltfreundliche, dennoch bezahlbare und verlässliche Energieversorgung blieben der Industrie vielleicht noch 20 bis 30 Jahre Zeit.

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