Wirtschaft : Ohne Grün geht nichts

Hauptsache ökologisch: Auch im Design werden nachhaltige Gestaltungsansprüche immer wichtiger

Nora Sobich

Das negative Image, das ökologischen Design-Entwürfen für kratzige Jutetaschen oder handgestrickte Wollsocken lange anhaftete, ist längst verflogen. Nachhaltigkeit ist heute Lifestyle und Ausweis für Innovation, das bestimmende Thema von Designmessen und Designpreisen. Möbel- und Designfirmen können es sich im Grunde kaum mehr erlauben, nicht wenigstens ein nachhaltiges Vorzeigeprodukt im Sortiment zu führen. Ansonsten ist die kaufkräftige und Umwelt sensibilisierte Konsumentengruppe der „Lohas“ (Lifestyle of Health and Sustainability) vergrault.

Auf den natürlichen Schafwollteppich beschränkt sich der ausgedehnte ökologische Nachweis aber schon längst nicht mehr. Was in deutschen Wohnstuben mal „ein Stück für das ganze Leben“ war, ist im modernen Ökojargon bereits schwergewichtig zum „Lebenszyklus“-Design geworden. Umweltkorrekt soll man sich schon mit einem Multifunktionsmöbel fühlen, weil dieses wegen seiner Flexibilität angeblich nicht so schnell auf dem Müll landet.

Zu den ersten, die mit leichter, unprätentiöser Hand Umweltbewusstsein ins moderne Produktdesign integrierten, gehört die holländische Designszene. Die Umsetzung ökologischer Werte war für die „Droog Design“-Bewegung von Anfang an Teil eines Gesamtkonzepts, das nicht nur dem Design seinen funktionalen Ernst nahm, sondern auch dem Ökoanspruch seine Unattraktivität.

Aus ausrangierten Schubladen entwarf der Designer Tejo Remy Anfang der 90er Jahre die inzwischen legendäre Recycling-Kommode „Remy's Chest of Drawers“. Sein jüngstes, gemeinsam mit René Veenhuizen entworfenes Produkt ist ein wahnsinnsbunter, aus Wolldecken gearbeiteter Teppich namens „Blanket Rug“. Dem im Grunde unverändert typischen Gang der Dinge, nämlich mit zunehmend weniger Arbeitseinsatz Neues aus Neuem zu produzieren, setzt Piet Hein Eek, einer der Stars der holländischen Szene, ein Produktverständnis entgegen, bei dem kunstvolle Einzelstücke mit viel Arbeitsaufwand aus alten, von Gebrauchsspuren gekennzeichneten Hölzern entstehen.

Vor allem bei jüngeren Designern gewinnt Recycling wieder an Attraktivität. Das beschränkt sich nicht nur auf robuste Liegen oder Handtaschen, die aus alten Autogurten zusammengeflochten werden. Die Designer Katharina Mischer und Thomas Traxler verarbeiten Ausschussware von Massenproduktionen mit Mullbinden zu unkonventionellen Möbelexperimenten. Aufs Schönste verwandelt der englische Designer Stuart Haygarth banalen Schrott in wahre Ästhetik. Sein als Limited Edition zwischen Kunst und Design gehandelter Kronleuchter „Tide Chandelier“ ist mit kleinteilig profanen Plastikfunden behängt wie ein straßenbarockes Mobile.

Vieles von dem, was heute jedoch als „Eco Modernism“ Schlagzeilen macht, ist im Grunde nicht neu, sondern ein alt bekannter Parameter im Produktdesign. Für den finnischen Modernisten Alvar Aalto, der 1935 die Manufaktur „Artek“ mitbegründete, war Holz ein „zutiefst humanes Material“, das es zu achten und wertzuschätzen galt. Als neuer Kreativdirektor von „Artek“ führt nun Tom Dixon, der sich für umweltbewusstes Design nicht erst engagiert, seit es die muffige Alternativecke verlassen hat, diesen umfassenden Gestaltungsanspruch ins 21. Jahrhundert. Aaltos auratischen Möbelklassiker ergänzte er mit einer „Sustainable Bambu Collection“, aus einem der am schnellsten nachwachsenden Rohstoffe.

Bei den neuen kompostierbaren Kunststoffen ist Tom Dixon ebenfalls an vorderer Front mit dabei. Aus einem Gemisch von Bambusfasern und wasserlöslichen Polymeren entwickelte er ein Biomaterial, aus dem auch sein neues Geschirrset „Ecoware“ besteht. Eher in Richtung Kunst-Aufklärungsprojekt ging die Aktion „Living System“ des Berliner Designers Jerszy Seymour. Aus Kartoffeln, Alkohol und Milch manschte Seymour einen biologisch abbaubaren Kunststoff zusammen, den er mit einer Spritzpistole in Form schoss. Das Möbelresultat war allerdings mehr Anstoß und mögliche Bio-Utopie als tatsächliche Wahrheit, beziehungsweise kaum zu benutzen.

Im Idealfall bedeutet eine nachhaltige Produktpalette heute, dass bei Möbelfirmen gestalterische, ökologische und ökonomische Ansprüche als umfassendes Firmenkonzept Hand in Hand gehen. Bei IKEA trat der erste Umweltaktionsplan, wie er sich nennt, bereits 1993 in Kraft. Der deutsche Sitzmöbelhersteller „Cor“, der sein erstes Öko-Audit ebenfalls in den 90er Jahren durchgeführt hat, füllt seine hochwertigen Polstermöbel zwar nicht gleich mit Stroh, versteht Umweltbewusstsein aber als unternehmerische Selbstverständlichkeit. Alle Möbel von „Cor“ werden ohne lange Transportwege in Deutschland produziert. Völlig klar sei, heißt es bei „Cor“, dass die Schaumstoffe kein PVC enthalten und man bei der Verarbeitung weder FCKW, noch wasserlösliche Lacke verwendet.

Bei der italienischen Designschmiede „Zanotta“, wo man jetzt mit einem modernen Stapelstuhl aus „vollrecycelbarem“ Kunststoff die boomende Öko-Euphorie bedient, hält man vor allem Qualität und Langlebigkeit für geeignete Umweltschutzgaranten. Auch die Zerlegbarkeit von Möbeln, wie der „Zanotta“-Manager Daniele Greppi betont, spiele ein Rolle, weil sich mit einer besseren Verpackbarkeit der Energieverbrauch beim Transport reduzieren lässt.

Obwohl heute das Interesse sprunghaft gewachsen ist, ist Aufklärung unverändert notwendig. Das betrifft vor allem die Etablierung neuer Materialien und Recyclingverfahren oder etwa die Energiesparleuchten. Als bewährter Öko-Robin-Hood initiierte Tom Dixon deswegen schon im letzten Jahr auf dem Trafalgar Square in London eine Licht-Installation mit 500 seiner „Blow Lights“-Energiesparleuchten. Die funkelten nicht nur wunderbar – sie wurden anschließend auch noch umweltgroßzügig verschenkt.

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