Wirtschaft : Ohne Schulabschluss keine Chance

Einstiegspraktika sind eigentlich für schwer vermittelbare Jugendliche gedacht - tatsächlich bekommen sie auch Abiturienten

Cordula Eubel,Alfons Frese

Berlin – Jugendliche ohne Schulabschluss haben kaum Chancen auf ein Praktikum im Rahmen des Ausbildungspaktes. „Die Anforderungen der Betriebe sind relativ hoch, ähnlich wie bei normalen Azubis“, sagte Karen Schober, bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) für den Pakt zuständig, auf Anfrage. Von 2350 Jugendlichen, die ein von der BA gefördertes Praktikum bekommen haben, sind nur 120 ohne Schulabschluss, aber 85 haben sogar Abitur. Die Einstiegsqualifikationen richten sich zum einen an Jugendliche, die trotz Nachvermittlung in diesem Ausbildungsjahr noch keine Lehrstelle bekommen haben. In erster Linie sind die Praktika, die zwischen sechs Monaten und einem Jahr dauern, aber für diejenigen gedacht, die Defizite in der schulischen Ausbildung haben.

„Jugendliche mit Vermittlungshemmnissen sind unsere Zielgruppe“, sagte der Ausbildungsexperte des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Geerd Woortmann. Wegen der großen Lücke zwischen Angebot und Nachfrage können sich die Unternehmen allerdings auch für die Praktika Jugendliche aussuchen, die mindestens einen Hauptschulabschluss haben. So bietet die Bahn an ihrem Berliner Hauptsitz Praktika nur für Personen mit Abschluss.

Ende November waren bei den Kammern rund 5500 Verträge über Einstiegsqualifikationen registriert. Davon waren von der Bundesagentur für Arbeit 2350 Förderanträge bewilligt. Die BA bezuschusst die Praktika: Für die Sozialversicherung wird eine Pauschale von 102 Euro gezahlt und der Praktikant bekommt eine Vergütung von 192 Euro. Die Wirtschaft hatte im Rahmen des Ausbildungspaktes zugesagt, insgesamt 25000 Einstiegsqualifikationen zur Verfügung zu stellen. Bisher kommt ein knappes Drittel der Qualifikationen nach DIHK-Angaben aus dem Handel.

In Berlin sind derzeit 119 Plätze besetzt und weitere 285 bei den Arbeitsagenturen registriert. „Wir würden uns wünschen, dass die Arbeitsagenturen zügiger vermitteln“, sagte Anja Nußbaum von der Berliner IHK. Oliver Kurz von der BA weist dagegen auf die „teilweise recht hohen Anforderungen der Betriebe“ hin, die eine schnellere Vermittlung erschwerten. In Berlin stehen den Arbeitsagenturen insgesamt Mittel für 1100 Einstiegsqualifikationen zur Verfügung. Nußbaum zufolge sind im Bereich der IHK bislang 624 Stellen registriert, bei der Handwerkskammer sind es 228. Dazu kommen 60 Plätze bei der Bahn. Unter den Handwerksbetrieben gibt es mit Abstand die meisten geförderten Praktika bei Anlagemechanikern (Sanitärbereich), Friseuren und Bäckern.

Manfred Löbel von der Berliner Handwerkskammer zufolge „hatten wir die Vermutung, dass normale Ausbildungsplätze durch die Praktika ersetzt werden“. Doch dagegen spreche die konstant gebliebene Zahl der Lehrstellen. Genauso argumentiert Anja Nußbaum von der IHK und verweist auf die gestiegene Zahl der regulären Lehrstellen. Die Befürchtung, dass Praktika Lehrstellen verdrängen, hat sich nach ersten Auswertungen der BA noch nicht bestätigt. Schober spricht von Einzelfällen. DIHK-Experte Woortmann setzt sich aber dafür ein, dass Abiturienten die Ausnahme in diesem Programm bleiben müssten.

Zurückhaltung der Jugendlichen gegenüber dem neuen Instrument ist nach den Erfahrungen der BA nicht festzustellen. „Die Motivation ist in der überwiegenden Zahl der Fälle positiv“, hat BA-Fachfrau Schober beobachtet. Die Jugendlichen wollten aber wissen, ob sie nach einem Praktikum auch eine „Garantie für eine Ausbildung“ bekämen. Auch das Handwerk hat bisher bei den Jugendlichen „keine Verweigerungshaltung im großen Stil“ festgestellt, sagte ZDH-Sprecher Alexander Legowski. Es gebe eine „gewisse Zurückhaltung“, weil es sich um ein „ganz neues Instrument“ handele.

Der Personalvorstand von Daimler- Chrysler hatte vor einigen Tagen beklagt, dass der Autohersteller von 500 angebotenen Praktikumsplätzen bislang erst 100 besetzen konnte. Eine Unternehmenssprecherin erklärte das auf Anfrage mit dem Aufwand des Verteilungsverfahrens: Einem Kompetenzcheck beim Arbeitsamt schließe sich ein Vermittlungsgespräch an, die Jugendlichen bekämen dann Adressen von Firmen und müssten sich bei denen bewerben.

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