Wirtschaft : "Ohne Staatshaftung wird es auf keinen Fall gehen"

Herr Dill[seit dem 11. September ist bei den Vers]

Claus-Michael Dill (47) kennt das Versicherungsgeschäft seit vielen Jahren. Vor seiner Zeit als Vorstandschef des Axa Konzerns in Köln, war der frühere McKinsey-Mann unter anderem im Vorstand des Kölner Gerling Konzerns. Die Kölner Axa mit einem Beitragsvolumen von 6,7 Milliarden Euro im Jahr 2000 gehört mehrheitlich zur französischen Axa-Gruppe, eine der größten Versicherungen weltweit.

Herr Dill, seit dem 11. September ist bei den Versicherungen nichts mehr wie zuvor. Stand die Branche je vor solchen Herausforderungen?

2001 ist für die Versicherungsbranche mit Sicherheit das schwierigste Jahr seit dem zweiten Weltkrieg. Aber das hat nicht allein mit dem 11. September zu tun. Seit März 2000 sind die Finanzmärkte drastisch eingebrochen. Die Kapitalerträge, die bei manchen Versicherern rund ein Drittel des Ergebnisses ausmachen, sind zusammengeschrumpft. Hinzu kommt, dass seit der Liberalisierung der Branche 1994 der Wettbewerb sehr zugenommen hat und in manchen Sparten kein Geld verdient wird. Diese Verluste können jetzt weniger gut ausgeglichen werden.

Wie schwer wiegen die Terroranschläge?

So etwas hat die Versicherungswirtschaft noch nicht erlebt. Es ist das größte Schadensereignis aller Zeiten. Neben der menschlichen Tragödie ein finanzielles Desaster. Die Schäden belaufen sich mittlerweile auf 40 oder 50 Milliarden US-Dollar. Doch das ist nicht alles. Durch das veränderte Terrorrisiko müssen Versicherungen selbst jetzt mehr für ihre Rückversicherungen bezahlen. Teilweise sind die Prämien um 40 bis 100 Prozent gestiegen, oft werden die Terrorrisiken auch gar nicht mehr versichert.

Weshalb haben Sie den Versicherungsschutz für die Fußball-Weltmeisterschaft 2002 gekündigt?

Es blieb uns gar nichts anderes übrig. Niemand kann sagen, ob nicht auch ein gut gefülltes Fußballstadion Ziel eines terroristischen Anschlages wird. Dieses Risiko ist nicht mehr kalkulierbar. Das ist auch mit einer höheren Prämie nicht aufzufangen. Wir werden Terrorisiken - jedenfalls derzeit - nicht mehr versicheren.

Und alte Verträge kündigen?

Tatsache ist, dass wir Verträge für Sportveranstaltungen, aber vor allem auch rund 2000 Policen mit Industriekunden ganz genau nach Terrorklauseln durchleuchtet haben. Ab einer gewissen Deckungssumme haben wir ordentlich gekündigt.

Dann gibt es irgendwann keine Fussball-Spiele mehr, weil sie niemand versichert?

Sicher nicht. Die Lösung wird in einer Kombination von privater und staatlicher Haftung liegen. Kalkulierbare Risiken wie beispielsweise in Japan ein Taifun oder ein Erdbeben kann nach wie vor die Versicherungswirtschaft übernehmen. Für ein nicht kalkulierbares Risiko wie einen Terroranschlag müsste allerdings der Staat haften.

Beim Sport, in der Luftfahrt, bei Industrieversicherungen, überall wird jetzt nach dem Staat gerufen. Machen es sich die Versicherer hier nicht zu leicht?

Eine privatwirtschaftliche Versicherung muss wirtschaftlich verantwortlich und im Sinne ihrer Aktionäre und Mitarbeiter einen Riegel vorschieben, wenn das Unternehmen zuviel Kapital verlieren könnte. Das weiß auch der Staat.

Wie könnte denn eine Lösung mit staatlicher Haftung aussehen?

Bisher gibt es ein britisches und ein amerikanisches Modell. Beim britischen Modell geht es um eine Pool-Lösung. Die Versicherer müssen für Terrorrisiken eine bestimmte Umlage in einen Pool einzahlen. Wenn es dann zu einem Terrorschaden kommt, wird er aus dem Pool bezahlt. Erst wenn dieser erschöpft ist, springt der Staat ein.

Und das amerikanische Modell?

Dieses Modell funktioniert mit Selbstbehalt. Das heißt, die Versicherer übernehmen bei einem Terrorrisiko einen Schaden bis zu einer bestimmten Höhe - beispielsweise zehn Milliarden Dollar. Alles was darüberhinaus geht, übernimmt dann der Staat. Noch wird in den USA aber heftig diskutiert, wo diese Grenze liegen wird.

Hat sich Deutschland schon für ein bestimmtes Modell entschieden?

Nein noch nicht. Die Versicherungswirtschaft bereitet gerade einen Lösungsvorschlag vor, der bis Ende November der Bundesregierung vorgelegt werden soll. Welches dieser beiden Modelle zum Zug kommt oder ob es möglicherweise eine Kombination aus beiden wird, ist noch nicht entschieden. Ohne Staatshaftung wird es aber auf keinen Fall gehen.

Die Spielregeln werden sich also ändern?

Ganz sicher. Unternehmen, Makler, Erstversicherer wie wir, Rückversicherer und der Staat müssen sich auf eine neue Situation einstellen. Eines kristallisiert sich aber jetzt schon heraus. Unternehmen selbst werden auch mehr Risiko über Selbstbehalt oder Selbstversicherung übernehmen müssen. Das macht die Verhandlungen mit ihnen aber nicht leichter.

Die Terroranschläge, die Verhandlungen mit Industriekunden und die Börsenlage - wie wirkt sich das auf Ihr Ergebnis aus?

Das Ergebnis wird eindeutig schwächer sein als im Vorjahr. Das habe ich schon auf der Hauptversammlung im Juli gesagt. Ich kann aber heute noch keine genaue Zahl nennen. Dies hängt vor allem mit der jüngsten Veränderung der Bilanzierungsrichtlinen zusammen. Wir müssen neuerdings Verluste auf Wertpapiere erst dann abschreiben, wenn sie dauerhaft sind, nicht mehr aber, wenn sie von kurzfristiger Natur sind. Dennoch müssen wir uns natürlich die Frage stellen, wie wir mit Wertminderungen umgehen. Ob wir davon ausgehen, dass sich die Börse nächstes Jahr wieder besser entwickelt und die Verluste ausgeglichen werden oder ob wir schon jetzt bestimmte Werte abschreiben.

Andere Versicherer mussten wegen der schlechten Kapitalmarktlage ihre Überschussbeteiligugen für Lebensversicherungen kürzen. Steht das bei Axa auch bevor?

Wie die Wettbewerber beschäftigen wir uns angesichts der niedrigeren Zinsen und der schlechteren Börsensituation mit dieser Frage. Wir haben zur Überschussbeteiligung, die zur Zeit bei 7,25 Prozent liegt, aber noch keinen Beschluss gefasst. In jedem Fall werden wir an einer Verzinsung für unsere Kunden festhalten, die wir auch mittelfristig durchhalten können. Ich will aber auch sagen, dass wir bei den stillen Reserven besser ausgestattet sind als viele Wettbewerber. Wir haben keinen akuten Handlungsdruck.

Ganz tröstlich, wenn man Riester-Produkte verkaufen will. Wie ist es denn gelaufen?

Offen gestanden, wollten wir jetzt schon über 30 000 Verträge abgeschlossen haben. Das haben wir allerdings nicht ganz geschafft. Wir sind bei Produkten, die jeder einzelne bei uns abschließen kann aber auch nicht mehr aufs Gaspedal getreten.

Warum nicht?

Anders als ursprüglich von den meisten erwartet, bekommt die betriebliche Altersvorsorge einen großen Schub. Tarifvertragsparteien fanden sich zusammen und arbeiteten Lösungen aus, wie Riester-Produkte in Tarifverträge eingebaut werden können. Wir werden diese Entwicklung genau verfolgen und unser Produktangebot entprechend darauf ausrichten.

Steigen Sie in das Geschäft ein?

Auf jeden Fall. Wir gehen davon aus, dass rund 60 Prozent des Marktes für die Riester-Rente auf die betriebliche Altersvorsorge fallen wird. Wir wollen hier ein ernsthafter Mitspieler am Markt sein und bauen deshalb jetzt schon Pensionsfonds und Pensionskassen auf.

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