Wirtschaft : Oligopole sind unvermeidbar wie der Sonnenaufgang

G.PASCAL ZACHARY

Ein Wort erklärt die gewaltige Triebkraft hinter den Megafusionen der letzten zehn Jahre: Oligopol.Überall, wo man hinschaut, bilden Branchen ihre eigene Version der "Big Three", der "drei Großen" der amerikanischen Autoindustrie.Bei den Wirtschaftsprüfern sind es die "Big Five".In der Flugzeugindustrie die "Big Two".Die Branchen Telekommunikation, Erfrischungsgetränke und zahllose andere sind gleichfalls dabei, zu Gruppierungen weniger dominanter Riesen zu gerinnen.Und in der jüngsten Fusionsraserei kommt es zu globalen Oligopolen: etwa die Fusion von Daimler mit Chrysler und die geplante Übernahme der amerikanischen AirTouch Communications durch die britische Vodafone - eine Akquisition, die weltweit den größten Mobilfunknetzbetreiber hervorbringt.

Was geht hier vor? Es ist ganz einfach, sagt Louis Galambos, Historiker auf dem Feld der Unternehmensforschung an der John Hopkins Universität: "Globale Oligopole sind so unvermeidbar wie der Sonnenaufgang." Auch wenn Unternehmen immer unterstellt wird, sie strebten alleinige Dominanz an, scheinen sie den Markt lieber mit einigen wenigen Konkurrenten aufteilen zu wollen.Monopole müssen sich entweder Regulierung gefallen lassen - man schaue zum Beispiel auf Versorgungsunternehmen - oder sie riskieren, daß Regulierungsbehörden sie ganz zerschlagen.Oligopole bevölkern eine andere Welt.Eine konzentrierte, aber nicht überkonzentrierte Branche bringt den Unternehmen und möglicherweise sogar den Kunden Vorteile."Oligopolistische Konkurrenz", so Galambos, habe sich als vorteilhaft herausgestellt, weil sie Erstarrung verhindere.Denn diese Marktform garantiere, daß die Unternehmenschefs auf Innovationsfähigkeit und Effizienz ihrer Organisationen bedacht seien.

Marktführer brauchen Herausforderer, um auf Draht zu bleiben.Man schaue sich Microsofts eigenartigen Tango in Haßliebe mit Netscape Communications an.Im noch laufenden kartellrechtlichen Prozeß der amerikanischen Regierung gegen Microsoft wird Bill Gates vorgeworfen, er habe zuerst Netscape vorgeschlagen, den Internet-Browser-Markt unter sich aufzuteilen und für sich ein Oligopol zu schaffen.Als Netscape ablehnte, habe Microsoft dann versucht, die Firma zu vernichten.Microsoft streitet dies ab.Und doch ist klar, daß die Existenz von Netscape Microsoft anspornte, gewaltige Resourcen in die Verbesserung seines eigenen Browsers zu stecken.

Oder der Kampf zwischen den Autovermietern Hertz und Avis in den 70er Jahren, die langjährige Fehde zwischen Coca-Cola und Pepsi und den jetzigen Schlagabtausch zwischen Visa und American Express.Bei jeder dieser Konfrontationen lieferte ein großer, bekannter Konkurrent einen geeigneten Hintergrund, um Produktunterschiede in der Werbung zu verkaufen - und vielleicht sogar zu schaffen.

Den fast unabwendbar scheinenden Trend zum Oligopol verfolgen einige mit Sorge."Es ist eine abschreckende Entwicklung", sagt John Cavanagh, Direktor des Instituts für Politische Studien, einer Forschungseinrichtung in Washington.Egal, wie vorteilhaft Fusionen am Anfang erschienen, sagt er, langfrisitg führen sie zu unfairem Wettbewerb und Preiserhöhungen durch die überlebenden Unternehmen."Die unzutreffenden Behauptungen, daß Oligopole den meisten von uns irgendwie Nutzen bringe, müssen ein Ende haben", sagt er.

Doch die Fusionitis schreitet unerbittlich voran, Branche nach Branche.Mit der nun besiegelten Fusion von Daimler und Chrysler und dem bevorstehenden Zusammenschluß von Ford und Volvo, schrumpft die weltweite Automobilbranche auf sechs oder acht große Unternehmen zusammen.Zu den Überlebenden gehören wahrscheinlich zwei amerikanische Hersteller, zwei japanische und einige wenige europäische Unternehmen.Auch in anderen Branchen teilen sich eine Handvoll großer Unternehmen den internationalen Markt auf.Die Top-Halbleiterhersteller zählen weltweit kaum ein Dutzend.Zehn Firmen dominieren heute die internationale Pharmazeutische Industrie.Ihre Zahl wird durch Fusionen sinken, da sogar die Giganten befürchen, sie seien zu klein, um international wettbewerbsfähig zu sein.Bei den Erfrischungsgetränkeherstellern spielen weltweit nur drei Unternehmen eine Rolle.Das kleinste davon, Cadbury Schweppes, hat jetzt einen Teil seines internationalen Geschäftes an den Marktführer Coca-Cola verkauft.Mit Boeing und Airbus teilen sich nur zwei Unternehmen den internationalen Markt für kommerzielle Luftfahrt.

Ein Grund, warum die Regulierungsbehörden wenig tun, um die Entwicklung hin zum Oligopol aufzuhalten, mag an dem offensichtlichen Paradox liegen: Ein hoher Grad an Marktkonzentration fördert häufig Wettbewerb, während fragmentierte Märkte den Konsumenten mehr kosten können.Man stelle sich eine Welt vor, in der es an jeder Ecke kleine Lebensmittelläden gibt, erklärt Norbert Walter, Chefökonom der Deutschen Bank.Es gäbe dann zwar eine große Auswahl, aber weniger Wettbewerb."Eine große Anzahl kleiner Einzelhändler führt nicht zu niedrigeren Preisen", betont er.Ein weiterer Vorteil des Oligopols für Unternehmen und Konsumenten besteht darin, daß sich so leichter allgemeinverbindliche Standards einführen lassen.Das ist vor allem in Perioden schnellen technologischen Wandels hilfreich.Anfang der 80er Jahre haben zum Beispiel Sony und Phillips eine Übereinstimmung über das Format von CDs erzielt.Statt um die alleinige Vormachtstellung zu kämpfen, haben die beiden führenden Unterhaltungselektronikhersteller ihre Kräfte vereinigt und die Voraussetzung für eine begeisterte Aufnahme der CDs geschaffen.

Und dennoch bringen Oligopole dem Staat und den Konsumenten Nachteile.So sind in Europa und Japan Oligopole dafür bekannt, Preise festzusetzen.In den USA gab es nach Fusionen der privaten Bahnschienenbetreiber Beschwerden von Konsumenten über überhöhte Preise und Unregelmäßigkeiten im Service.

Die Kartellbehörden sind nicht die einzige Gewalt, die die Macht eines Oligopols brechen kann.Während die Schaffung von Standards einem Oligopol mehr Macht verleihen kann - man schaue sich an, wie Microsoft und Intel die PC-Branche durch ihre technische Abstimmung kontrollieren - können technologische Innovationen die Riesen auch stürzen."Die Technologie hat spaltende Effekte", sagt John Stopford, Professor an der London School of Business."Die Branchen von gestern konsolidieren sich und es kommt zu internationalen Oligopolen, das ist sicher.Aber die Branchen von morgen bringen Fragmentierungskräfte."

Das beste Beispiel dafür liefert der Buchverkauf in den USA.In den letzten 20 Jahren setzten sich zunächst landesweit Buchketten und dann "superstores", große Buchläden wie Borders oder Barnes & Nobles, durch.Gerade als es danach aussah, als ob sie den Markt vollkommen beherrschten, kam der Online-Buchanbieter Amazon.com.Auf einmal mußten die großen Unternehmen wieder den Kampf aufnehmen.Sogar Microsoft ist außerhalb des Gerichtssaales nicht gefeit.Das plötzliche Auftauchen von Linux, kostenlos verteilter Software, die von einem finnischen Studenten entwickelt wurde, könnte Microsofts Hegemonie bei Betriebssystemen unterwandern.

Zuweilen schreitet der Staat ein, um Märkte aufzubrechen.Doch der Impuls zu Fusionen bleibt bestehen."Das alte Oligopol verschwindet und ein neues entsteht", sagt Stopford.Zum Beispiel bei den Fluglinien.Die amerikanische Regierung hatte Ende der 70er Jahre den amerikanischen Flugmarkt liberalisiert und damit zunächst eine Flut von Markteintritten neuer Unternehmen ausgelöst.Die Ticketpreise fielen dramatisch.Doch in den letzten Jahren haben einige wenige große Fluglinien die Oberhand gewonnen.Preise und Unternehmensgewinne stiegen wieder.1998 haben die amerikanischen Fluglinien nach Schätzungen von Merrill Lynch Rekordgewinne in Höhe von fünf Mrd.Dollar gemacht.

Der Fall der Fluglinien zeigt: "Je mehr man liberalisiert, desto wichtiger wird es für einen Staat, die Konkurrenten zu einem fairen Wettbewerbsverhalten anzuhalten", sagt Karl Sauvant, für die Vereinten Nationen in Genf tätig."Je mehr man Handels- und Investitionshemmnisse abbaut, um so mehr muß man dafür sorgen, daß diese Barrieren nicht durch private Barrieren (etwa Preissetzung) ersetzt werden".

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