Wirtschaft : Oliver Philipp

Geb. 1972

Gregor Eisenhauer

Familie, Kinder, Haus. Und den Hawaii-Triathlon im bauchfreien Trikot! Als der Vater, schwer krebskrank, den Notarztwagen zu seinem Gartengrundstück rufen musste, dort auf der Trage lag, atemlos vor Schmerz, und eine Infusion erhielt, wandte er sich zu seinem Sohn: „Du, hol doch mal ’n Hammer und hau ’n Nagel in die Wand, dass der arme Sanitäter da nicht dauernd die Flasche hochhalten muss!“

Die beiden tüftelten immer zusammen, Vater und Sohn. Mal in der Datscha, die neue Komplettregenrinne, nebst Bewässerungssystem und Abwasser. Oder zu Hause. Projekte, auf die man nicht so ohne weiteres kommt. Plattenbau in Lichtenberg, fünfter Stock. Ganz normaler Balkon. Aber da war eine Schwelle, über die man immer stolperte, wenn man wieder rein wollte.

Das hat gestört, logisch. Die Schwelle entfernen ging nicht, also den Balkon aufschütten! Sand hatten sie schon genug herbei gekarrt, bis dann, dank Einspruchs des Nachbarn, das Problem statisch überdacht und das Projekt aufgeschoben wurde.

Eine kleine Wohnung, drei Zimmer. Dennoch blieb er dort, bei seinen Eltern, auch während seines Studiums. Er brachte es nicht übers Herz, den beiden das Herz zu brechen. Weil, wenn so eine familiäre Allianz mal steht, kommt da nichts dazwischen.

Deswegen war der Tod des Vaters so schwer zu begreifen. Da hat Oliver, kurz Oli, gehadert und geweint, was sonst ganz und gar nicht seine Art war. Sein eigenes Ende hatte er damals schon vor Augen.

Anfang zwanzig: Ein auffälliger Leberfleck an der Stirn. Hautkrebs. Die Operation verlief erfolgreich. Er galt als geheilt. Zehn Jahre lang.

Der Befund damals, der hat seinen Ehrgeiz angestachelt. In allen Dingen.

Oli war immer unterwegs: Deutschlandrundfahrt, Berlin-Paris, more and more miles in den Staaten, 3500 Kilometer allein dort, alles mit dem Fahrrad.

2002 lief er den ersten Ironman. Er trat in eine Wirtschaftsprüferkanzlei ein. Spezialisierte sich nach dem Jurastudium auf Steuerrecht. Die Karriere war unausweichlich: „Sie werden nie zu wenig Geld haben, und nie zu viel Zeit.“

Aber das änderte nichts daran, dass sein Lieblingsessen immer noch Hühnerfrikassee war, und die ostdeutsche Flammkuchenvariante: Sauerkrautpizza. Und dass er auf jeden Fall eine Familie wollte, mit Kindern. Im eigenen Haus. Und dann irgendwann den Triathlon auf Hawaii mitlaufen. Möglichst im bauchfreien Trikot. Da war er nicht immer ganz geschmackssicher. Auch was die Farbe seines BMW anbelangte: Rot. Mit Heckspoiler, Coupé.

„Kann mir schon vorstellen, wie du unterwegs bist: Fenster runter, Ramazotti im CD-Schacht und immer vor der Eisdiele auf und ab“, spottete die Frau, in die er sich unsterblich verliebte. Nachdem er klargestellt hatte, dass er nur einem Mann wirklich treu ist, nämlich Udo, Udo Lindenberg. Und dann vielleicht noch Mel Gibson, in „Braveheart“.

Sie war Ärztin. Wusste früh, dass es nicht gut enden würde. Aber alle Ausbruchsversuche hat er abgeblockt. Bis auf einen, ihr größter Wunsch: Der VW-Bus. Den haben sie gemeinsam ausgesucht. Und dann fing sie wieder an, die Schrauberei. Da kann man ja viel selbst machen, und ’ne Fernentriegelung ist per se ’ne nützliche Sache. Tagelang haben sie mit dem Bus im Garten verbracht, und gebastelt, wenn sie damit nicht weggefahren sind.

Ihr erster großer gemeinsamer Urlaub, und ihr letzter. Unterwegs mit dem Bus in Schottland.

Es gibt eine ganz einfache Probe, um festzustellen, ob die Liebe hält und man wirklich zusammenpasst. Wochenlang im engen Camper auf einsamen Strecken, wenn das Wetter so richtig übel ist, und Whiskey das Einzige, was wirklich wärmt.

Sie wollte ihn heiraten, auch danach noch, zeigen, wie sehr sie ihn liebt, ganz gleich, ob er stark ist oder schwach. Aber er wollte nicht auf Krücken zum Standesamt, und hat ihr stattdessen eine Katze geschenkt. Das kleine Glück, das bleibt.

Im August letzten Jahres hatten sie bei der Nachuntersuchung den vergrößerten Lymphknoten entdeckt. „Ist blöd, so ’ne Sache, aber dann wird halt operiert.“ Und er plante schon für den Berlin-Marathon.

Er glaubte einfach nicht an den Ernstfall, obwohl er längst eingetreten war. Spätmetastasen. Weitflächig operiert. Dann erneut ein Knoten. Erneute OP. Bestrahlung, aber vergeblich. Der knappe Befund: Durchmetastasiert.

Darüber wollte er nicht reden. Darüber wollte er noch nicht mal nachdenken. Er wollte im Alltag bleiben. Selbst aufs Klo gehen. Sich selbst hinlegen können. Keine Schwäche.

Er wollte Besuch, wenn er wach war und sich unterhalten konnte. Kein Händchenhalten. Nur am letzten Tag. Da gab er nach.

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