Wirtschaft : Online an die Spitze der Hochfinanz

CASPAR BUSSE (HB)

NÜRNBERG . Bett raus, Tisch rein. Der kleine Konferenzraum oben unter dem Dach war früher ein Appartement für neue Mitarbeiter, die noch keine Wohnung in Nürnberg gefunden hatten. Doch inzwischen platzt die Zentrale des Discountbrokers Consors in der Johannesgasse am Rande der Nürnberger Altstadt aus allen Nähten. Das Unternehmen floriert: Consors bezeichnet sich heute als größten Onlinebroker in Europa und als Marktführer in Deutschland.Gründer und Vorstand Karl-Matthäus Schmidt hatte vor fünf Jahren mit einem Dutzend Kunden angefangen. Heute wickeln rund 135 000 Anleger in Deutschland ihre Aktiengeschäfte über Consors ab - in der Regel online über das Internet und zu Preisen, die weit unter denen der meisten etablierten Banken und Sparkassen liegen. So richtig brummt das Geschäft des Nürnberger Senkrechtstarters vor allem seit dem Börsengang im April. Die Consors-Aktien gingen an den ersten Handelstagen weg wie warme Semmeln. Inzwischen stagniert der Aktienkurs zwar, doch ist Consors an der Börse bereits rund 7,5 Mrd. DM wert. Damit hat die Nürnberger Bank - nimmt man den Börsenwert als Maßstab - auf Anhieb den Sprung in die Top fünf der deutschen Geldbranche geschafft. Vor den Franken rangieren nur noch die Großbanken.Jetzt will Schmidt europaweit expandieren. Die Mehrheit an einem französischen Wertpapierbroker hat er sich vor kurzem gesichert. Als nächstes hat der Jungbanker Italien, Spanien und Großbritannien im Visier. "Der Börsengang war schon immer der Traum", blickt Schmidt heute zurück. Der 30jährige wirkt so, als könne er seinen Erfolg noch nicht ganz fassen. Fränkisch zurückhaltend gibt sich Schmidt im Gespräch. Erst vor wenigen Monaten hat er vom Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen in Berlin die offizielle Zulassung zur Führung eines Geldinstituts bekommen. Jetzt ist er der jüngste Bankvorstand in Deutschland. Dem Klischee eines Yuppie-Bankers von der Wall Street entspricht Schmidt aber überhaupt nicht: Auf eine Krawatte verzichtet er gern.Schmidt hat die deutsche Bankenlandschaft in Unruhe versetzt. Angesichts des Consors-Erfolgs wollen die Großbanken jetzt ebenfalls ihre Direkt-Banken an die Börse bringen. "Wenn man den Kurs von Consors sieht, wird man süchtig", zollte vor einigen Wochen sogar der Chef der Commerzbank, Martin Kohlhaussen, dem Aufsteiger aus Franken Respekt.Die Idee zur Gründung eines Discountbrokers kam Schmidt vor fünf Jahren als Student an der Universität Nürnberg. Zusammen mit seinem Kommilitonen Reiner Mauch war Schmidt in einem studentischen Börsenclub aktiv. Maßlos ärgerten sie sich über die hohen Provisionen und den schlechten Service der Banken bei Wertpapiergeschäften. Die Studenten beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Der Schritt ins Bankgeschäft lag nahe, denn Karl Matthäus Schmidt kannte das Geldbusineß bereits. Sein Vater Karl Gerhard Schmidt ist ein angesehener Privatbankier in Bayern. In 140 Filialen insbesondere in Franken, seit der Wende auch in Sachsen und Thüringen, bietet die Schmidt-Bank die gesamte Palette des Bankgeschäftes an - vom Sparbuch bis zum Großkredit. Der Vater hat seinem Sohn 1994 "einen niedrigen einstelligen Millionenbetrag" bereitgestellt. So startete Consors in Nürnberg am 13. Juni 1994. Inzwischen ist das Haus deutschlandweit bekannter als die 170 Jahre alte Schmidt-Bank. Die Privatbank, bei der der Sohn zusammen mit seinem Vater als persönlich haftender Gesellschafter fungiert, hält heute noch 70 Prozent an Consors.Der Onlinemarkt für Bankgeschäfte wächst rasant. Prognosen gehen davon aus, daß sich die Zahl der Kunden in Deutschland jedes Jahr verdoppeln wird. Davon profitiert Consors: Allein zum 1. Juli wurden 60 neue Mitarbeiter eingestellt. Bis Jahresende sollen nochmals 100 neue kommen. Schmidt wird dann 500 feste Arbeitsplätze im strukturschwachen Nürnberg geschaffen haben - ohne eine Mark öffentliche Förderung, wie er betont. Schmidt träumt von den scheinbar unendlichen Möglichkeiten im Netz der Netze: "Warum nicht eines Tages auch Bücher?"

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