Wirtschaft : Online-Konkurrenz bedrängt Apotheken

Bei Arzneien achten Patienten Umfragen zufolge stärker auf den Preis – und kaufen lieber im Internet ein

Christoph Schlautmann

Düsseldorf - Die Patienten achten bei Medikamenten immer stärker auf den Preis. Dagegen verliert die fachkundige Beratung an Bedeutung. Das belegen jetzt gleich mehrere Verbraucherstudien. Für Pharma-Hersteller und die Apotheken bedeutet dies einen weiter steigenden Wettbewerbsdruck – denn seit Jahresanfang sind Internet-Apotheken auch in Deutschland zugelassen. Die Zahl der Anbieter ist seither bereits sprunghaft angestiegen.

Bei einer Umfrage der Münchner Kommunikationsagentur Serviceplan Vital gaben 44 Prozent aller Befragten an, der Preis der Medikamente sei „ein ganz wichtiges Kriterium“. Noch im Jahr zuvor hatten lediglich 39 Prozent dieser Aussage zugestimmt. Erklärten 2003 nur 28 Prozent, häufig zu preisgünstigen Präparaten zu greifen, waren es 2004 bereits mehr als 46 Prozent. „Der Kunde verfällt in der Apotheke in den Habitus des normalen Shoppers“, analysiert der Serviceplan-Experte Florian Bernsdorf.

Trends wie diese alarmieren längst nicht mehr nur Pharmahersteller, die sich an den Preisen des Wettbewerbs orientieren. Nachdem der Europäische Gerichtshof (EuGH) vor knapp einem Jahr den Internethandel mit Arzneimitteln für rechtmäßig erklärte, geraten auch die deutschen Apotheken in den bislang ungewohnten Konflikt mit Billigkonkurrenten. Bislang galt das Apotheken-Geschäft dank strenger Preisvorschriften, starrer Wettbewerbsregeln und hoher Gewinnmargen als risikoarm. Die Aufhebung der Preisbindung für verschreibungsfreie Arzneimittel Anfang dieses Jahres tat aber ihr Übriges. Seither herrscht bei den Discount-Apotheken im Netz Goldgräberstimmung.

Galt lange Zeit die vor vier Jahren im niederländischen Landgraaf gegründete Versandfirma Doc-Morris als einer der wenigen Preisbrecher, wachsen die Internetanbieter seit Jahresbeginn wie Pilze nach dem Regen. Seit Januar beispielsweise tritt die Schweizer Apo AG vom niederländischen Venlo aus gegen Doc-Morris an. Karstadt-Quelle tat sich mit der Wittenberger Robert-Koch-Apotheke zusammen, um Medizin online zu verkaufen. Seit Mai vertreibt das Dresdener Versandhaus für Gesundheit (VfG) Medikamente über die Centrum-Apotheke kurz hinter der tschechischen Grenze – und nutzt dabei die günstigeren Einkaufspreise des neuen EU-Mitgliedslandes. Selbst die Internet-Auktionsbörse Ebay bietet deutschen Verbrauchern inzwischen ein Sortiment verschreibungsfreier Arzneimittel.

Bei Deutschlands Kunden, das zeigt eine Befragung der Aachener Marktforschungsfirma Dialego im Auftrag des Handelsblatts, kommen solche Angebote an. Schon jetzt berichten fast 25 Prozent aller deutschen Internetnutzer, das Web für Medikamentenkäufe zu nutzen. Eine beachtliche Zahl von Kunden: Immerhin besitzen laut Statistischem Bundesamt derzeit 54 Prozent aller Deutschen über 16 Jahre einen Zugang zum Netz.

Besonders interessant: Verbraucher über 50 Jahre bestellen weitaus häufiger per Mausklick als Patienten unter 30. Vor allem bei chronischen Krankheiten, die bei älteren Menschen weitaus häufiger auftreten, macht sich offenbar das Shopping per Internet bezahlt.

Preisvorteile ergeben sich häufig erst beim genaueren Hinsehen. Rezeptpflichtige Medikamente seien im Internet genauso teuer wie in der Apotheke, hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) ermittelt. Deren Arzneimittelexperte und Vizechef Leonhard Hansen räumt aber ein, dass einige Versender einen Teil der Zuzahlung als Bonus erstatten. „Hier kann der Patient schon einmal ein paar Euro sparen“, sagt er. So lockt der Online-Pionier Doc-Morris damit, bei rezeptpflichtigen Arzneien nur die halbe Zuzahlungssumme zu verlangen. Herkömmliche Apotheken dürfen indes hier keinen Rabatt einräumen.

Die Apotheken halten mit ihrem Beratungsangebot dagegen. Die Krux: Zwar zeigten sich die meisten Dialego-Befragten damit zufrieden, doch viel bezahlen möchten sie dafür aber nicht. 13,5 Prozent würden darauf verzichten, wenn die Präparate dadurch ein Zehntel billiger würden, weitere 33 Prozent bei einem Preisabschlag von einem Fünftel. Nicht einmal jeder vierte Kunde gab an, niemals auf das fachmännische Gespräch mit dem Verkäufer im weißen Kittel verzichten zu wollen.

Genutzt wird es dennoch nur selten, wie Dialego herausfand. Selbst die Einführung der Praxisgebühr von zehn Euro am Jahresanfang hat daran wenig geändert: Kaum 15 Prozent der Verbraucher berichteten, seit Januar den Apotheker anstelle des Arztes konsultiert zu haben. „Die Tendenz, den Arzt weniger häufig aufzusuchen, führt nicht zu einer automatischen Umlenkung des Patientenstroms in die Apotheke“, hat auch Serviceplan-Experte Bernsdorf beobachtet.

Entsprechend pessimistisch sehen die Apotheker ihre Zukunft. Gegenüber der Beratungsfirma Sempora äußerte die Mehrheit der befragen 150 Apotheker die Überzeugung, dass von den heute 21400 Geschäften in fünf Jahren nur noch 15000 übrig bleiben werden. HB

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