Onlinehandel : Amazon feiert seinen 20. Geburtstag

In zwei Jahrzehnten hat Amazon den Handel weltweit verändert und viele Arbeitsplätze geschaffen. Dabei hat sich der US-Konzern nicht nur Freunde gemacht.

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Päckchen packen. Seit Jahren streiten Amazon und die Gewerkschaft Verdi über die Bezahlung der Beschäftigten.
Päckchen packen. Seit Jahren streiten Amazon und die Gewerkschaft Verdi über die Bezahlung der Beschäftigten.Foto: dpa

Die Festtagsstimmung wollte Verdi wohl nicht ganz verderben. Für nur eine symbolische Minute sollten die Amazon-Beschäftigten in den neun deutschen Logistikzentren des Onlinehändlers am Mittwoch die Arbeit niederlegen. Weder Konzernchef Jeff Bezos noch seine Kunden im Jubiliäumseinkauf-Stress dürfte das nachhaltig beeindruckt haben.

Mit einem Prime-Day, benannt nach dem Mitgliederprogramm, und Rabatten bis 50 Prozent ließ Bezos auf der ganzen Welt den 20. Geburtstag seines Unternehmens feiern. Am 16. Juli 1995 verkaufte er das erste Buch: „Fluid Concepts and Creative Analogies“, ein 500-Seiten-Wälzer über das Denken. Dass Bescheidenheit nicht zu Bezos’ hervorstechendsten Eigenschaften zählt, stellte der Manager bereits vor zwei Jahrzehnten unter Beweis. Nach dem weltweit wasserreichsten Fluss taufte er seine damals noch kleine Internetfirma Cadabra in Amazon um. Sein Ziel: das kundenorientierteste Unternehmen der Welt zu schaffen.

"Amazon ist eine Gefahr für den Handel"

Am weltweiten Führungsanspruch hat sich nichts geändert. In den USA lässt Bezos Drohnen starten, um zu zeigen, wie die Zukunft des Versandhandels aussehen könnte. Und Deutschland ist nach den USA der größte Markt für Amazon. Der Onlineshop hat in den vergangenen Jahren so manchen Händler das Fürchten gelehrt. „Gerade im Non-Food-Bereich, beispielsweise bei Unterhaltungselektronik oder Küchengeräten, hat das Unternehmen die Landschaft verändert“, sagt Denise Klug vom Analysehaus Planet Retail. „In diesen Segmenten stellt Amazon auch eine ganz konkrete Gefahr für den stationären Handel dar.“

Das schlägt sich auch in den Umsätzen nieder. Amazon ist nach Angaben der Marktspezialisten der sechstgrößte Händler in Deutschland – hinter dem Discounter Aldi, aber vor der Drogeriekette dm. „Im deutschen Onlinemarkt hat Amazon mit seinem riesigen Angebot beinahe eine Monopolstellung“, sagt Klug. Sie sieht vor allem zwei Faktoren, auf denen sich der Erfolg des Unternehmens gründet. „Die Webseite ist sehr einfach aufgebaut, fast wie wenn man durch einen Discounter läuft. Gleichzeitig ist der Kundenservice sehr professionell.“

Aggressives Wachstum wichtiger als Gewinn

Vom Bücherverkäufer ist Amazon längst zum Vollsortimenter geworden. Von Autozubehör über Haustierbedarf, Küchengeräten bis hin zu Videostreaming und Zeitschriften vertreibt das Unternehmen beinahe alles. In Deutschland setzt Amazon jährlich rund zwölf Milliarden Dollar (knapp zehn Milliarden Euro) um, weltweit sind es 90 Milliarden Dollar. Dennoch schreibt das Unternehmen regelmäßig Verluste. Den wachsenden Unmut seiner Aktionäre kontert Bezos mit dem Argument, dass höhere Marktanteile vor allem aus dem aggressiven Wachstum resultieren. Alleine in Europa betreibt Amazon 28 Logistikzentren.

Nicht immer kommen die Produkte, die Kunden bestellen, aus der Amazon-Logistik. Weltweit verkaufen den Angaben zufolge mehr als zwei Millionen Händler ihre Produkte über den sogenannten Marktplatz. Darunter sind viele stationäre Geschäfte, die sich keinen eigenen Onlineshop leisten wollen oder können. Aber auch große Anbieter greifen auf die Werkzeuge aus dem Amazon-Baukasten zurück. „dm beispielsweise hat seine Eigenmarken dort getestet“, sagt Handelsexpertin Klug. „Und in den USA probieren Pepsi und Coca-Cola neue Sorten gern bei Amazon zuerst aus.“

25.000 neue Stellen in zehn Jahren

Auch in anderen Bereichen setzt Amazon auf gute Geschäfte mit Firmenkunden. So überraschte der Cloud-Provider Amazon Web Services im ersten Quartal mit einem operativen Gewinn von einer guten Viertelmilliarde Dollar. Und erst vor wenigen Wochen eröffnete das Unternehmen in Berlin eines von weltweit drei Zentren zur Erforschung der künstlichen Intelligenz.

Günstige Preise, guter Service, ein faires Verhältnis zu Arbeitnehmern und Geschäftspartnern: So freundlich wie Amazon es gerne darstellt, ist das Bild nicht. Weil der Konzern Druck auf Händler ausübt, weckte er hierzulande das Interesse der Wettbewerbshüter. Auch mit Buchautoren und Verlagen legt sich der Onlinehändler an. Anfang 2013 löste eine TV-Reportage über katastrophale Bedingungen für Saisonarbeiter Empörung aus. Die Gewerkschaft Verdi nutzte dies und organisiert seither Streiks in deutschen Versandzentren für eine bessere Bezahlung. Dennoch: Die Unternehmensberatung Ernst & Young zählt Amazon mit 25.000 neuen Arbeitsplätzen zu den größten europäischen Jobmotoren in den vergangenen zehn Jahren.

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