Wirtschaft : Opel droht eine Radikalkur

Wirtschaftsminister Clement und Hessens Landesregierung schalten sich ein/Europaweit sollen 10 000 Arbeitsplätze in Gefahr sein

Dieter Fockenbrock,Rolf Obertreis

Berlin/Frankfurt am Main - Der amerikanische Autohersteller General Motors (GM) macht Druck bei der Sanierung seiner Tochter Opel. Nach Medienberichten sollen 10 000 Stellen in Gefahr sein. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) hat sich deshalb beim Konzernvorstand über die Planungen informiert. „Es finden Gespräche statt“, bestätigte eine Sprecherin Clements dem Tagesspiegel. Gewerkschafter und Politiker wurden am Donnerstag durch einen Bericht der FAZ aufgeschreckt, wonach der Sanierungsplan für das defizitäre Europa-Geschäft noch schärfer ausfallen soll, als bislang bekannt.

Clements hessischer Amtskollege, Alois Rhiel (CDU) will „alle Hebel“ für das Opel-Stammwerk in Rüsselsheim in Bewegung setzen. Die Landesregierung stehe in ständigem Kontakt mit der GM-Spitze und der Bundesregierung. Auch Clement hatte bereits Kontakte mit dem GM-Management. Ob konkrete Schritte geplant sind, dazu wollten sich weder Rhiel noch das Bundeswirtschaftsministerium am Donnerstag äußern.

Unterdessen übte Opel-Betriebsratschef Klaus Franz massive Kritik an der GM-Spitze. Ihr Verhalten sei geschäftsschädigend. Gegen Opel werde genau in dem Moment „brachial“ vorgegangen, in dem das Image der Marke dank guter Produkte und hervorragender Qualität wieder deutlich besser werde. Auf Betreiben des Betriebsrats kommt nächste Woche der Opel-Aufsichtsrat zu einer. GM-Europa-Chef Fritz Henderson will offenbar die Sanierung schneller durchziehen als bislang geplant und schon Ende Oktober, und damit einen Monat früher seine Pläne für das seit Jahren verlustträchtige Autogeschäft in Europa vorlegen. Dabei soll es um einen Abbau von mehr als 10000 der derzeit noch 62000 Arbeitsplätze gehen. Rüsselsheim werde besonders betroffen sein. Opel-Sprecher Ulrich Weber bezeichnete solche Meldungen als „reine Spekulation“.

Schon 2002 hatte GM angekündigt, die Zahl der Mitarbeiter in seinen zehn europäischen Fabriken von damals 70000 bis Ende 2004 auf 53000 zu senken. Immer mehr rückt dabei auch das Werk in Rüsselsheim in den Mittelpunkt der Spekulationen. Neben längeren Arbeitszeiten und Einschnitten bei tariflichen Leistungen, dürfte GM nur voran kommen, wenn es seine Überkapazitäten von rund 400000 Autos in Europa abbaut. Im Werk in Rüsselsheim könnten Jahr für Jahr 270000 Autos vom Band laufen. Faktisch ist das Werk derzeit zu nicht einmal 60 Prozent ausgelastet. Das angeblich modernste Autowerk Europas zu schließen, gilt allerdings als unwahrscheinlich. Die 750 Millionen Euro teure Fabrik war erst Anfang 2002 eröffnet worden. 5600 Menschen arbeiten im Stammwerk, weitere rund 15000 Mitarbeiter beschäftigt Opel in Rüsselsheim in der Zentrale und dem Internationalen Forschungs- und Entwicklungszentrum. In Deutschland sind es insgesamt 31000.

Alternativ wird bei GM auch die Schließung des Werkes im schwedischen Trollhättan diskutiert, wo der „Saab“ vom Band läuft. Angeblich schnürt die schwedische Regierung bereits ein Rettungspaket. Vectra und Saab sollen ab 2007 nur noch an einem Standort gebaut werden. Wenn es 2009 um das Nachfolgemodell des Astra geht, so befürchtet der Betriebsrat, könnte auch das Bochumer Werk in Gefahr geraten, weil GM versucht, das Werk gegen andere Europa-Standorte auszuspielen. Für Rüsselsheim waren bereits Sparideen des Vorstandes durchgesickert: Keine Tariferhöhungen bis 2009, 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich, die Streichung von Zuschlägen und die Reduzierung des Weihnachtsgeldes. Obwohl Opel bis Ende August mit 10,3 Prozent und 221000 verkauften Autos den Marktanteil in Deutschland halten konnte, wird 2004 vermutlich erneut ein hoher dreistelliger Millionenverlust eingefahren. Von 1998 bis 2003 summieren sich die Betriebsverluste bei Opel auf rund 2,15 Milliarden Euro.

Meinungsseite

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben