Wirtschaft : Opel: Für den Konzern beginnt in Rüsselsheim ein neues Zeitalter

Rolf Obertreis

Für Opel ist es die wichtigste und mit Abstand größte Investition der vergangenen Jahre und nach Ansicht von Wolfgang Strinz, dem stellvertretenden Vorstandschef, ein ganz entscheidender Faktor, um das Automobilunternehmen endlich aus der Krise zu führen. 1,5 Milliarden Mark hat Opel in den Bau des neuen Werkes am Stammsitz Rüsselsheim gesteckt und ein für die deutsche Automobilindustrie einzigartiges Projekt in 17monatiger Bauzeit verwirklicht: Denn das neue Werk wurde parallel zur in den bestehenden Hallen laufenden Automobilproduktion errichtet. Seit einigen Tagen läuft die Testphase auf den neuen Anlagen, Anfang 2002 soll die Serienfertigung beginnen.

Um mindestens ein Viertel kann Opel mit der neuen Fabrik, dessen hervorstechendes Merkmal die 48 000 Quadratmeter große Halle für die Endmontage ist, die Produktionskosten senken, so Strinz. Strinz war ganz entscheidend an der Konzeption und Entwicklung der neuen Hallen beteiligt, scheidet wechselt aber Ende Juli in den Aufsichtsrat. Erstmals soll sich diese erhebliche Produktivitätsverbesserung im Jahr 2003 auswirken. Ob Opel nach den Verlusten von rund zwei Milliarden Euro seit 1997 dann wieder schwarze Zahlen schreibt, ließ Strinz offen. 270 000 Autos können jährlich im neuen Werk im Drei-Schicht-Betrieb gebaut werden. Entscheidend ist, dass auf einer Fertigungslinie bis zu vier verschiedene Modelle gleichzeitig montiert werden können. Derzeit fertigt Opel in Rüsselsheim auf zwei Linien die Modelle Vectra und Omega. Weil die Nachfrage derzeit nicht übermäßig groß ist, wurde das Tempo der Bänder bereits gedrosselt. "Mit diesem Automobilwerk nehmen wir weltweit eine führende Position in der Fertigungs-Technologie ein", sagte Strinz. Das neue Werk ist ein vorläufiger Schlusspunkt in der Entwicklung des schlanken Opel-Produktionssystems, das erstmals 1992 im neuen Werk in Eisenach umgesetzt wurde. Auch mit Blick auf die Qualität will Opel in Rüsselsheim ab 2002 neue Maßstäbe setzen. Die Beschäftigten im neuen Werk werden auf das "Null-Fehler-Prinzip" trainiert, so dass jedes Fahrzeug am Ende der Produktion ohne Mängel die Fabrik verlässt. Allerdings hat die Neuausrichtung der Produktion und die damit verbundene deutlich höhere Produktivität auch einschneidende Konsequenzen für die Beschäftigung. Während im alten Stammwerk in Rüsselsheim zuletzt noch rund 9000 Menschen beschäftigt waren, werden es im neuen Werk nur noch 6000 sein. Klaus Franz, Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei Opel ist trotzdem zufrieden und sieht den Standort Rüsselsheim gesichert. Schon 1998 hatten Vorstand und Betriebsrat einen Standort-Sicherungsvertrag ausgearbeitet, mit dem Investitionen in Milliardenhöhe in Rüsselsheim festgezurrt und im Gegenzug der Abbau von mehreren tausend Arbeitsplätzen bis 2003 und Zugeständnisse der Mitarbeiter bei Lohn- und Gehalt vereinbart wurden. Franz beziffert diesen Beitrag der Beschäftigten auf fast eine Milliarde Mark. "Insgesamt sieht der Betriebsrat mit dem neuen Werk aber für Opel ziemlich helles Licht am Ende des Tunnels". Den enormen Produktivitätsfortschritt erreicht Opel auch durch eine praktisch nicht mehr notwendige Lagerhaltung. 70 Lkws können parallel an die neue Endmontagehalle andocken, womit sich der Materialvorrat auf unter zwei Stunden reduziert.

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