Opel & Arcandor : Eine lange Reihe

Nach den Banken sind nun wie Opel und Arcandor viele Unternehmen am Taumeln, die auch vor der Krise schon Schwierigkeiten hatten. Wie geht es weiter?

Ewald B. Schulte
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Foto: picture-alliance/dpa

Die Politik ließ sich im Falle Arcandor nicht überzeugen, dass die Probleme des Handels- und Touristikkonzerns erst mit der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise begannen. Nun hat Arcandor Insolvenz anmelden müssen.

Welche Art von Unternehmen haben jetzt gerade Probleme?

Im Fall Opel, aber auch bei den Wadan- Werften in Mecklenburg-Vorpommern ging es um Unternehmen, deren Konzernmütter in den USA und Russland aufgrund eigener Probleme und der weltweit eingebrochenen Nachfrage nicht mehr in der Lage waren, ihre Verpflichtungen gegenüber den deutschen Töchtern zu erfüllen. Arcandor fehlten über Jahre hinweg geeignete Rezepte, um genug zahlungskräftige Kunden für das Sortiment der Warenhäuser zu interessieren. Der Konzern lebte aus der Substanz und war zuletzt, nach dem Verkauf und der überteuerten Rückmietung der Konzernimmobilien, bis an die Grenze der Handlungsunfähigkeit verschuldet. Da die Banken seit Ausbruch der Finanzkrise bei der Kreditvergabe deutlich restriktiver verfahren als früher und mitunter auch für bestehende Kredit-Engagements höhere Sicherheiten verlangen, geraten all jene Unternehmen in ernsthafte Schwierigkeiten, deren Finanzlage ohnehin angespannt ist. Das gilt für Konzerne ebenso wie für Mittelständler, doch werden kleine und mittlere Unternehmen deutlich schneller in die Insolvenz entlassen.

Welche Unternehmen traf es bereits früher,

welche sind in großer Gefahr?

Der einem Finanzinvestor gehörende Porzellanhersteller Rosenthal musste ebenso in die Insolvenz wie der Nähmaschinenbauer Pfaff. Getroffen hat es auch Traditionsmarken wie Schiesser, Märklin oder Trevira. Die frühere Karstadt- Tochter Hertie befindet sich in der Insolvenz, ebenso die Einzelhandelskette Woolworth. Betroffen sind insbesondere auch Zulieferer der Automobilbranche wie Karmann oder Edscha. Ebenfalls lange als Pleitekandidaten gehandelt wurden zudem Unternehmen, die sich bei Firmenübernahmen offenkundig finanziell übernommen haben, wie etwa die Merckle-Holding (Ratiopharm) oder die Schaeffler-Conti-Gruppe. Allerdings ist hier das Volumen der von den Banken ausgereichten Kredite so hoch, dass die Finanzinstitute kein Interesse an einer Insolvenz haben, die sie selbst mit milliardenschweren Abschreibungen belasten würde.

In ihrer Existenz gefährdet sind zudem Unternehmen, die ihre Investitionsplanung auf kräftig wachsende Märkte ausgerichtet hatten und jetzt bei horrenden Überkapazitäten ihre Kosten nicht mehr einspielen können. Das gilt angesichts des dramatischen Rückgangs im Welthandel besonders für den Bereich des Gütertransports wie etwa die Containerschifffahrt. Aber auch vermeintliche Zukunftsbranchen sind davor nicht gefeit. So hatte die Solarindustrie ihre Produktionskapazitäten in den vergangenen Jahren angesichts eines scheinbar unbegrenzt wachsenden Bedarfs massiv aufgestockt. Jetzt aber sind, wie etwa in Spanien, die Märkte weggebrochen. Der daraus resultierende Preisverfall für Solarmodule ist so dramatisch, dass selbst Branchengrößen wie Q-Cells ums Überleben bangen.

Gibt es einen Dominoeffekt in der Krise?

Begonnen haben die aktuellen Turbulenzen mit der weltweiten Finanzkrise. Die hat sich allerdings längst in die Realwirtschaft fortgesetzt. Aus Sicht der Ökonomen befindet sich die Wirtschaft in der schärfsten Rezession der Nachkriegszeit. Der gesamte Welthandel ist seit dem Zusammenbruch der amerikanischen Lehman-Bank dramatisch geschrumpft, entsprechend sind die Auswirkungen auf die industrielle Produktion. Die kräftigsten Rückschläge in Deutschland entfielen auf die Hersteller von Fahrzeugen, Maschinen und anderen Investitionsgütern. Aber auch die Produzenten von Vormaterialien wie etwa die Chemiekonzerne mussten ihre Produktion drastisch zurückfahren.

Wie stark wirkt sich die Krise bislang auf die Arbeitslosenzahlen aus?

Geht es nach der Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA), dann ist die Wirtschaftskrise auf dem Arbeitsmarkt noch gar nicht richtig angekommen. So konnte BA-Chef Jürgen Weise Ende Mai sogar noch einen leichten Rückgang der Arbeitslosenzahl auf 3,458 Millionen Menschen vermelden. Diese Zahl täuscht jedoch über die reale Entwicklung hinweg. Denn nur der starke Einsatz von Kurzarbeit hat nach den Erkenntnissen der Bundesagentur mehrere hunderttausend Beschäftigte in der Autoindustrie, den Auto-Zulieferbetrieben und dem Maschinenbau vor der Entlassung bewahrt.

Einige Unternehmen haben für den Sommer Entlassungen angekündigt. Was droht da noch?

Die ernste Phase beginnt bereits im August. Dann gehen in vielen Unternehmen die Werksferien zu Ende. Die Arbeitsmarktexperten erwarten, dass eine ganze Reihe von Firmen dann auf Neueinstellungen verzichten wird, was vor allem zulasten frisch ausgebildeter junger Leute ginge. Ebenfalls dürfte mit einem deutlichen Rückgang der Ausbildungsplätze zu rechnen sein. Schließlich überprüfen die Unternehmen vor allem in der Automobilwirtschaft, aber auch in anderen Branchen, ob sie ihre Produktionskapazitäten angesichts des anhaltenden Nachfrageeinbruchs nicht doch dauerhaft reduzieren müssen. Die Folge wären Entlassungen, die sich größtenteils allerdings erst nach der Bundestagswahl im September auf die offizielle Arbeitsmarktstatistik auswirken würden. So will der Maschinenbauer Heidelberger Druck demnächst 3300 seiner weltweit 20 000 Mitarbeiter kündigen, obwohl er jetzt nur dank massiver öffentlicher Hilfen vor der Insolvenz bewahrt werden konnte. Angesichts der Marktentwicklung komme man, so erklärte das Unternehmen, um eine „Anpassung der Kapazitäten“ nicht mehr herum.

Gibt es auch positive Anzeichen?

Offenkundig zeigen die aufgelegten Konjunkturprogramme jetzt erstmals Wirkung. So konnte die Bauwirtschaft ihre Produktion bereits steigern. Zugelegt hat auch die Energiewirtschaft. Für die produzierende Wirtschaft insgesamt aber noch wichtiger ist es, dass der Rückgang des Auftragseingangs vorerst gestoppt scheint. Das Bundeswirtschaftsministerium sieht angesichts der Stabilisierung der Nachfrage – auf einem gegenüber dem Vorjahr allerdings erheblich niedrigeren Niveau – Chancen „für eine Bodenbildung der Industrieproduktion“. Auch der Chefökonom der Deutschen Bank, Norbert Walter, hält es für möglich, dass der niedrigste Stand der Produktion jetzt erreicht ist. Dennoch werde es in den nächsten Monaten weitere Unternehmenszusammenbrüche geben. Mit einer Belebung des Arbeitsmarkts rechnet Walter erst im Herbst 2010.

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