Wirtschaft : Opposition schmäht Kanzler wegen Aventis

CSU: Schröder ist „ vaterlandsloser Geselle“/Mitarbeiter demonstrieren nach der Pharmafusion für ihre Jobs

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Berlin (asi/ce/pet/HB). Nach der Übernahme des Pharmakonzerns Aventis durch den französischen Konkurrenten SanofiSynthélabo zittern Aventis-Mitarbeiter um ihre Jobs. In Frankfurt (Main) demonstrierten am Dienstag bis zu 5000 Aventis-Beschäftigte für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Aventis-Deutschland-Chef Heinz-Werner Meier wies die Befürchtungen zurück. „Die Arbeitsplätze in Deutschland sind sicher“, sagte Meier am Rande der Protestkundgebung. Unterdessen gewinnt der Streit zwischen Koalition und Opposition über das Verhalten der Bundesregierung in dem Übernahmekampf an Schärfe. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) sagte am Dienstag in Berlin, für die Bundesregierung gehe es nun darum, dass der Standort Deutschland im neuen Konzern gesichert bleibe. In Deutschland arbeiten 9000 Aventis-Beschäftigte.

Am Sonntagabend hatte Aventis das verbesserte Übernahmeangebot seines viel kleineren Rivalen Sanofi-Synthélabo nach dreimonatigem Kampf angenommen. Sanofi-Aventis wäre mit einem Jahresumsatz von 25 Milliarden Euro und 110 000 Mitarbeitern der drittgrößten Pharmakonzern der Welt. Die französische Regierung hatte auf eine französische Lösung gedrängt, die deutsche Regierung sich dagegen zu Neutralität verpflichtet. Dafür muss sie sich nun heftige Kritik der Opposition gefallen lassen.

Zweifel am Nutzen der Fusion

CSU-Generalsekretär Markus Söder nannte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) am Dienstag einen „vaterlandslosen Gesellen“. Schröder habe tatenlos zugesehen, wie der deutsch-französische Aventis-Konzern durch Sanofi übernommen wurde. Dies sei ein „Ausverkauf deutscher Interessen“. In der Tendenz ähnlich hatte sich der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) bereits am Montag geäußert.

Bundeswirtschaftsminister Clement kritisierte dagegen Frankreich für seine Einflussnahme bei der geplanten Übernahme. Clement sagte in Berlin, bei der Fusionsentscheidung habe eine „bemerkenswert interventionistische Politik“ eine Rolle gespielt. Auch der Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises in der SPD, Klaas Hübner, bezeichnete die Intervention der französischen Regierung als „grenzwertig“. Rainer Wend, der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, sieht es dagegen pragmatisch. Es sei „allemal besser, dem US-Konkurrenten Pfizer einen starken europäischen Wettbewerber gegenüberzustellen, als sich in Europa zu streiten“, sagte Wend dem Tagesspiegel.

Die französische Regierung verteidigte ihre Unterstützung für die Fusion. Finanzminister Nicolas Sarkozy sagte am Dienstag im Parlament, ohne die Fusion hätte beiden Unternehmen eine Isolation gedroht.

Der neue Konzernchef Jean-François Dehecq wich Fragen nach einem Stellenabbau aus. Er sagte nur, dass derzeit mit Gewerkschaftsvertretern in allen Unternehmensbereichen Verhandlungen geführt würden. Dehecq hatte in den vergangenen Monaten immer wieder angekündigt, einen Arbeitsplatzabbau weitgehend durch starkes Wachstum vermeiden zu können. Doch die Integration von Aventis könnte die bisherige Dynamik in dem deutlich vergrößerten Konzern bremsen. Im Vorfeld hatte der Sanofi-Chef den französischen Gewerkschaften zugesichert, im Falle einer Fusion auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. Arbeitnehmervertreter von Aventis drängen nun auf vergleichbare Zusagen für die deutschen Standorte. Diese Aussicht und die relativ hohe Verschuldung von etwa 16 Milliarden Euro gelten aus Analystensicht als mögliche Schwachpunkte des neuen Konzerns.

Die Zweifel an dem Nutzen der Fusion halten auch nach der Übernahmeentscheidung an. „Die Unsicherheit ist sehr hoch“, sagte Pharmaanalyst Giusep Demont von der Schweizer Bank Vontobel. Risiken sieht er insbesondere in drohenden Patentabläufen wichtiger Medikamente. „Das Problem wird durch den Zusammenschluss nicht gelöst“, sagte Demont. Zudem sei bei keinem der Partner eine größere Neueinführung in Sicht. Ein weiteres Risiko sei die Integration von Aventis in den kleineren Sanofi-Konzern. Diese Risiken betont auch die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (DSW). „Wer auf der sicheren Seite sein will, sollte seine Aventis-Aktien besser verkaufen“, sagt DSW-Sprecher Jürgen Kurz.

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