Wirtschaft : Oracle: Der zweite Manager geht

Sigrun Schubert

Für die Aktionäre des Softwareherstellers Oracle war es ein schmerzlicher Abschied: Als Gary Bloom, die Nummer zwei im Unternehmen und möglicher Nachfolger von Oracle-Chef Larry Ellison, seinen Abschied bekannt gab, fiel der Kurs der Aktie um 14 Prozent. Seit dem Höchststand am 1. September hat die Aktie die Hälfte ihres Werts verloren. Bloom, der Vorstandsvorsitzender beim Softwarehersteller Veritas wird, ist der zweite Top-Manager, der seinen Posten bei Oracle in diesem Jahr räumt. Im Juli hatte Ray Lane gekündigt. Nachdem Ellison immer stärker im operativen Geschäft mitmischte, ging Lane.

"Für Oracle ist der Weggang von Bloom ein Verlust", kommentierte Christopher Shilakes, Analyst beim Investmenthaus Merrill Lynch. "Die Wunden, die Ray Lanes Abschied hinterlassen hat, werden jetzt wieder aufgerissen." UBS Warburg stufte Oracle von "Kaufen" auf "Halten" herunter. George Chandler, Analyst beim Investmenthaus Frost Securities, hielt zwar seine Kaufempfehlung aufrecht, reduzierte das Kursziel aber von 63 Dollar auf 55 Dollar. Richard Davis vom Investmenthaus Needham & Co. stufte Oracle ebenfalls herunter. Er befürchtet den Weggang weiterer Manager. Während die Analysten Managementprobleme hinter dem Abschied Blooms vermuten, nennt er selbst einen einfachen Grund: "Ich hatte seit einiger Zeit das Ziel, Vorstandsvorsitzender zu werden. Das war bei Oracle nicht möglich, es gab keinerlei Hinweise darauf, dass Ellison zurücktreten wird", sagte Bloom dem Handelsblatt. Für ihn ist der Wechsel zu Veritas relativ risikolos: Veritas ist Kooperationspartner von Oracle. "Durch die Zusammenarbeit hatte ich die Gelegenheit, das Unternehmen gut kennenzulernen - und es hat mir gefallen", meint Bloom.

"Für Bloom ist es eine große Chance, er wird ein gutes Unternehmen leiten", kommentiert Rick Sherlund von Goldman Sachs. "Ein Verlust für Oracle und ein Gewinn für Veritas", stimmt Christopher Shilakes von Merrill Lynch zu. Bloom glaubt dagegen nicht, dass sein Weggang Oracle schaden wird. "Dafür gibt es keine Anzeichen." Es hätten schon viele gute Leute das Unternehmen verlassen und Oracle sei dennoch weiter gewachsen. Analysten sind indessen besorgt darüber, dass Blooms Posten bei Oracle nicht neu besetzt wird. Experten glauben, dass Oracle-Chef Ellison dadurch seine Macht ausweiten wird. "Ellison hat jetzt direkte Verantwortung für den weltweiten Vertrieb und die gesamte Produktentwicklung", meint James Pickrel vom Investmenthaus Chase H & Q. Bloom wiegelt ab: "Es stand immer außer Frage, wer bei Oracle die Macht hat - Larry Ellison, und das wird auch so bleiben." Nur das Ausmaß, in dem er sich um das operative Geschäft kümmere, habe zugenommen.

Der Abgang von Managern ist nicht das einzige Problem von Oracle. Nach den jüngsten Quartalsergebnissen wurden Zweifel laut, ob das Wachstumstempo gehalten werden kann. Das Unternehmen ist Marktführer bei Software für Datenbanken - allerdings ist der Markt weitgehend gesättigt. Deshalb versucht Oracle bei Anwendungssoftware aufzuholen. Die Software hilft Unternehmen unter anderem beim Aufbau elektronischer Marktplätze. In diesem Markt steht Oracle Rivalen wie Siebel Systems, I2 Technologies und Ariba gegenüber, deren Umsätze im vergangenen Quartal um mehr als 100 Prozent stiegen. Oracle legte dagegen lediglich 43 Prozent zu, Analysten hatten mit 50 Prozent gerechnet. Der Bereich Anwendungssoftware, der bislang rund 13 Prozent des Umsatzes von Oracle erwirtschaftet, gilt als entscheidend für die Zukunft. Auf ihn werden die Analysten besonders achten, wenn Oracle am 14. Dezember neue Quartalszahlen vorlegt.

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