ORTSTERMIN : Der Apfel und die Schlange

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Berlin - Man kann sie leicht verlachen, die Schlangesteher vor dem Gravis-Flagshipstore am Ernst-Reuter-Platz. Die Apple-Hörigen, verheiratet mit ihrem iPhone, auf dem auch jetzt viele herumhacken, während sie ihrem neuesten Hightechspielzeug entgegenfiebern. Es ist der 16. März 2012, 7.45 Uhr, ein sonniger Morgen, wenn auch kalt. Berlin wartet auf das iPad 3 und produziert dabei Bilder wie weiland die ostdeutsche Mangelwirtschaft. DDR-Vergleiche sind en vogue, auch in der Schlange. Die Apfelfans sind selbstironisch. Mehrere Dutzend Meter erstreckt sich der Menschensaum über den Platz vor dem Geschäft, biegt vor dem Radweg ab, legt sich um eine Litfaßsäule.

Man kann sie verlachen, man kann aber auch mit denen reden, die warten. Die fünf hier ganz vorne zum Beispiel sind gestern aus dem polnischen Poznán angereist. In New York und London seien sie schon gewesen, zur Premiere des iPhone 4. „Und jetzt sind wir eben in Berlin“, sagt Rafal Pawlowski. Um 5.30 Uhr seien er und seine vier Freunde vor dem Geschäft eingetroffen, erzählt der 29-jährige IT-Unternehmer. Jetzt, wenige Minuten vor dem Verkaufsstart, preist Pawlowski gut gelaunt die Infrastruktur: „Wir haben hier alles direkt um die Ecke – Toiletten, eine Tankstelle, Bäckereien.“ Er ist davon überzeugt, dass sich das Warten lohnt: „In Polen gibt es das iPad 3 noch nicht – wir mussten hierhin kommen.“

Und tatsächlich: Für Technikpioniere weltweit scheint das Schlangestehen auch bei diesem Verkaufsstart der Kultfirma mehr als nur ein Happening. Das Onlinekontingent sei bereits ausverkauft, hieß es am Freitag, die Lieferfrist für das iPad 3, das seit der Nacht zum Freitag in zehn Ländern weltweit verkauft wird, betrage zwei bis drei Wochen. Wer so lange nicht warten kann, muss anstehen. Für die Händler vor Ort bedeutet das gute Geschäfte. Das bestätigt auch Gravis-Geschäftsführer Jörg Mugke: „Launchtage von Apple-Produkten sind extrem verkaufsstark – zusammen mit den Wochen danach bringt so eine Phase mehr Umsatz als das Weihnachtsgeschäft.“ Während er erzählt, ist es 8 Uhr geworden. Diszipliniert, aber zielbewusst streben jene, die eher Jünger als Kunden sind, einen Flatterbandkorridor entlang zur Ausgabestelle im hinteren Teil des Ladens. Wie viele Geräte die Filiale dort vorrätig hat, mag Mugke nicht sagen. Nur, dass die erwarteten über 1500 Kunden am Freitag und Samstag damit rechnen könnten, versorgt zu werden – mit maximal zwei iPads pro Nase. Hamsterkäufe sind nicht erwünscht.

Traurig macht das hier keinen. Für die Gruppe um Rafal Pawlowski ist der Einkauf auch Anlass für einen Städtetrip: „Wir kombinieren diese Fahrten immer mit Sightseeing.“ Der Verkaufsstart früh am Tag sorgt dafür, dass dazu ausreichend Zeit bleibt: Um 8.12 Uhr verlassen die Freunde das Geschäft mit je zwei stolz in die Luft gereckten Kartons – wie Sieger eines Wettkampfs. Die nächsten Stationen? „Wir wollen heute noch in ein Museum.“ Vorher aber geht es zum Hotel – die kostbare Fracht einschließen.

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