ORTSTERMIN : Einer für 81 Millionen

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Normalerweise würden am Morgen die Aktionäre in die Halle strömen. Der Aufsichtsratschef würde die Sitzung eröffnen, und der Vorstand würde über das vergangene Jahr berichten. Dann gäbe es vielleicht mit den Aktionären ein bisschen Streit über den Kurs der Firma. Und schließlich, einige Stunden später, die Abstimmung darüber, ob die Chefs entlastet werden. Wie gesagt, normalerweise.

Bei der Bahn ist vieles nicht normal. Sie ist wie viele Unternehmen eine Aktiengesellschaft, das schon. Die Besitzer ihrer 430 Millionen Anteilsscheine sind aber nicht gekommen an diesem Freitag. Es wäre ohnehin schwierig geworden, eine Halle für 81 Millionen Aktionäre zu finden – die Bahn gehört ja allen. Ein einziger Mann vertritt sie: Peter Ramsauer (CSU), der Verkehrsminister. Um zehn Minuten vor zehn betritt er den Konferenzraum im 21. Stock des Bahn-Towers, wo die Hauptversammlung stattfinden soll. Um zehn Minuten nach zehn ist schon alles vorbei, und der Minister lächelt in die Kameras.

Heftige Debatten, gar Kritik am Vorstand gab es nicht. Wie auch, Ramsauers Leute mühen sich das ganze Jahr, die Bahn im Blick zu behalten. Seit Rüdiger Grube an der Spitze steht und nicht mehr Hartmut Mehdorn, gelingt das einigermaßen. Und für Tadel gibt es wenig Grund – 2012 hat die Bahn 1,5 Milliarden Euro verdient, ein Drittel davon bekommt der Bund. Für jeden Deutschen wären das gut 150 Euro.

Ramsauer weiß um seine Macht als Ein-Mann-Hauptversammlung. Im Prinzip schlägt er ja sich selbst die Dividende vor und genehmigt sie hernach. „Theoretisch könnte das ganz anders laufen“, überlegt er laut. „Ich beschließe einfach irgendetwas anderes.“ Dann wäre Finanzminister Wolfgang Schäuble (Ramsauer: „der Bundeshaushaltsgeber“) wohl sauer. Das geht nicht, das weiß Ramsauer. „Nachdem ich selber auch da drüben beheimatet bin“, sagt er und nickt Richtung Reichstag, „ist das praktisch etwas anders“.

Für Ramsauer sind ohnehin andere Dinge wichtiger, das gibt er offen zu. Berlins Pannen-Flughafen BER und der vergammelte Nord-Ostsee-Kanal haben ihm zuletzt schlechte Presse gebracht. „Sie können sich vorstellen, wie froh ich bin, dass mein vierter Amtswinter der bislang beste ist“, strahlt er. Und meint, dass die Züge derzeit halbwegs zuverlässig fahren, trotz der Kälte und des vielen Schnees. Überhaupt, wenn es bei der Bahn so viele Verspätungen gäbe wie dieser Tage bei den Flugzeugen, was dann wohl los wäre. „Eine mediale Revolution!“, schwant es Ramsauer. Aber was ist schon normal bei der Bahn. Carsten Brönstrup

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