ORTSTERMIN : Frotzeleien vor vollem Haus

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Berlins Regierender Bürgermeister ist nicht gerade als Unternehmerfreund bekannt. Beim „Businessfrühstück“ der IHK und des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller fühlt sich Klaus Wowereit aber sichtlich wohl: Er vermisse IHK-Präsident Eric Schweitzer, sagt er frotzelnd und fragt, ob dieser wohl gerade die grüne Berliner Spitzenkandidatin Renate Künast bei ihrem Ausflug in den Botanischen Garten begleite. Und er freue sich angesichts des vollen Saals im Ludwig-Erhard-Haus, dass „der Regierende noch immer zieht“.

Manche Trends würden in den Medien nur negativ dargestellt, obwohl sie auch erfreuliche Aspekte hätten, findet der SPD-Politiker. Dass die Wohnungsmieten in Berlin steigen, gelte als „Malaise“, obwohl es „die bessere wirtschaftliche Lage zeigt“. Wichtig sei nur, dass auch die Einkommen stiegen. Die Stadt werde künftig „nicht mehr so preiswert sein“ – auch nicht für Touristen, die bald eine City-Tax zahlen sollen. Ein Euro pro Nacht „bringt niemanden um“, beschere Berlin aber jährlich 20 Millionen Euro.

Das Drängen der Wirtschaftsverbände auf die Nutzung großer Brachen bringt Wowereit nicht aus der Ruhe. Freie Flächen seien „ein Reichtum“, den sich andere Städte wünschten. Ein Konzept für den ehemaligen Flughafen Tempelhof erfordere „Geduld“, und auch der Flughafen Tegel werde sich nach der für 2012 angekündigten Schließung „nicht in fünf Minuten entwickeln“; das dortige Terminal könne aber zur „Keimzelle“ des geplanten Industrieparks werden.

Als es um den Wissenschaftsstandort geht, gewinnt der Senatschef sogar dem demografischen Wandel etwas Positives ab: Noch weise Berlin zehntausende Hochschüler mangels ausreichender Uni-Plätze ab, also sei der Geburtenrückgang „kein Problem“. Zukunftsforscher Christian Böllhoff von der Prognos AG wirft ein, die Stadt habe in der Forschung „keinen internationalen Ruf“. Sie gebe aber im Vergleich zu anderen Regionen „überproportional viel für die Wissenschaft aus“, kontert Wowereit.

Christian Malorny von McKinsey sieht Berlin „in der ersten Liga der Kreativwirtschaft“ – doch die Wertschöpfung liege mit 20 000 Euro pro Kopf und Jahr weit unter Hamburg oder München. „Immerhin“, pariert Wowereit den Einwand, habe man aus wenig Potenzial viel gemacht und mit Clustern wie Medizinwirtschaft und Tourismus „die richtigen Themen gesetzt“.

Beim Thema Länderfinanzen aber empört er sich: Noch keine Bundesregierung habe die Hauptstadt genügend unterstützt, „wir werden zum Teil behandelt wie der letzte Dreck“. Schließlich beklagte er die fehlende Solidarität mancher Berliner mit ihrer Stadt. So sei die Verschiebung des Baubeginns für das Humboldt-Forum mit Häme und Spott aufgenommen worden. „Die freuen sich, wenn wir eins auf die Schnauze bekommen.“

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